leibniz

LEIBNIZ-WETTBEWERB
Der Text stammt aus der Broschüre zum Leibniz-Wettbewerb. »facetten« gibt es hier zum Download. Zur digitalen Stadtsimulation der Projekte TOPORAZ und TRANSRAZ geht es hier. Weitere Informationen zum Leibniz-Wettbewerb finden Sie auf der Website

»Ein erschütterndes Bild bietet der Hauptmarkt. Man hat ihn den schönsten Platz Deutschlands genannt. Seit zwei Tagen ist er eine hässliche, trostlose, rauchende und qualmende Schutthalde. Die einst so prächtige Marktkulisse ringsum ist in sich zusammengesunken. Bombensog und Phosphor haben in teuflischem Zusammenspiel alles vernichtet.« Als der Nürnberger Autor Fritz Nadler diese Zeilen am 3. Januar 1945 in sein Tagebuch schrieb, hatten tags zuvor britische Fliegerbomben Nürnberg in Schutt und Asche gelegt – jene Stadt, die den Alliierten wegen der »Reichsparteitage« als Symbol für den Nationalsozialismus galt.

90 Prozent der Altstadt wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, ganze Kapitel der Stadtgeschichte ausradiert: Wo vorher das Mittelalter, die Zeit der Kaiser und Kaufleute, aus Fassaden, Giebeln und Statuen sprach, klaffte eine Lücke. Alle Versuche, beim Wiederaufbau der Stadt Vergangenes zu rekonstruieren und für das kollektive Gedächtnis zu bewahren, mussten sich mit der Gegenwart arrangieren: Was braucht man gerade am dringendsten? Wofür ist Geld da? Was lässt sich überhaupt nachbauen?

Das Projekt TRANSRAZ lässt die Vergangenheit wieder sichtbar werden. Nach einem Klick baut sich im virtuellen Raum auf, was sich in der echten Welt nicht mehr aufbauen lässt: Nürnbergs historische Altstadt. Der interaktive Stadtplan hat vier Zeitdimensionen, von 1620 bis 2016. Das Herzstück des rekonstruierten Nürnbergs ist eine dreh- und zoombare 3D-Ansicht mit klickbaren Hotspots. In der größten Variante, für das schon industrielle Nürnberg von 1910, sind über 3.500 Bauwerke modelliert.

Für diesen digitalen Wiederaufbau mussten Quellen aus der Stadt- und Architekturgeschichte mit technischer Expertise zusammengeführt werden – wofür sich die Kunsthistoriker von der Universität Greifswald mit dem FIZ Karlsruhe und weiteren Partnern zusammentaten. Matthias Razum, Informatiker und einer der Projektleiter in Karlsruhe, sagt: »Ohne passende digitale Infrastruktur hingen die Arbeitsergebnisse der Historiker in der Luft.« Sein Team kannte den Weg von einer tragfähigen Datenumgebung zum 3D-Modell, das ohne eigene Software in den üblichen Browsern läuft.

Bei einer Stadtsimulation dieser Größenordnung können wir nicht alle Häuser einzeln erstellen, sondern müssen sie mithilfe von Metadaten algorithmisch erzeugen.

MATTHIAS RAZUM

TRANSRAZ ist bereits das zweite im Leibniz-Wettbewerb geförderte Projekt des Teams. Vorausgegangen war TOPORAZ zur Entwicklung eines Prototypen, der sich auf den Nürnberger Hauptmarkt beschränkte. Beim Folgeprojekt ging es vor allem um den Transfer: vom Ausschnitt zur gesamten Altstadt und aus der Fachwelt in die Öffentlichkeit. Dass Letzteres geglückt ist, zeigt sich im Nürnberger Stadtmuseum. Wer will, kann sich dort per VR-Brille auf den Hauptmarkt von 1910 zurückbeamen. Die Herausforderungen des Hochskalierens im 3D-Modell werden deutlich, wenn man die beiden virtuellen Ufer der digitalen Pegnitz vergleicht: Die Sebalder Seite ist deutlich detaillierter als die Lorenzer Seite, ein sichtbarer Mehrwert der aufwändigen Quellenrecherche und Dateneingabe des Projektteams.

Matthias Razum: »Bei einer Stadtsimulation dieser Größenordnung können wir nicht alle Häuser einzeln erstellen, sondern müssen sie mithilfe von Metadaten algorithmisch erzeugen.« Das Team verschlagwortete Eigenschaften wie »Anzahl der Stockwerke«, »Dachform« oder »Erker«, der Rechner spuckte passende Häuser aus. Die Darstellung soll auch für wissenschaftliche Zwecke nutzbar sein und muss deshalb bis in die Details korrekt sein. Dazu gehörten auch bewusste Auslassungen, erklärt Razum: »Vom Fluss abgesehen haben wir uns für farblose Objekte entschieden. Wir können schließlich nicht mit Sicherheit sagen, wann wo welche Farben zu sehen waren.«

Szenenwechsel zum echten Nürnberg 2025. Auf dem Hauptmarkt lässt sich leicht erahnen, wie geschichtsträchtig der Platz ist: Die Spieluhr an der offensichtlich mittelalterlichen Frauenkirche lässt seit über 500 Jahren Kurfürstenfigürchen um Kaiser Karl IV. kreisen. Ein paar Schritte weiter liegt die älteste Buchhandlung Deutschlands, in der vielleicht schon Martin Luther schmökerte. Doch anders als im virtuellen Modell lenkt auch Vieles vom Erfahren und Erfühlen der Geschichte ab: Zwischen dem Christkindlesmarkt, Events von Red Bull und Partys des FC Nürnberg shoppen Nürnberger und Touristen oder haben was im Rathaus zu erledigen. Während am echten Platz die Frauenkirche (ein Original), der Schöne Brunnen (eine Kopie) und funktionale Zweckbauten (aus der Nachkriegszeit) miteinander konkurrieren, zeigt die virtuelle Simulation den Hauptmarkt so, wie er vor den Fliegerbomben (oder wahlweise vor den Nationalsozialisten) war.

Vielleicht auch interessant?