Man hört, man spricht: So verbreitet sich ein Gerücht. »Man hört, man spricht«: So hieß auch das Forschungsprojekt von Caroline Mezger.
Gerüchte lassen sich nur schwer greifen, selbst wenn sie gerade im Umlauf sind. Woher stammen sie? Warum verbreiten sich manche rasant — und andere verschwinden schnell wieder? Caroline Mezger ging bei dieser Herausforderung noch einen Schritt weiter: Die Historikerin untersuchte Gerüchte, die während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Europa verbreitet waren. Ihre Forschung führte schnell zu einer Frage, die immer wieder diskutiert wird: Was wusste die Bevölkerung vom Holocaust und den Verbrechen des Nationalsozialismus? Und allgemeiner: Wie entstehen Gerüchte während einer Diktatur, wenn die Wahrheit vom Staat verfälscht wird? Was sagt ihre Verbreitung über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Vergangenheit?
»Das sind spannende Fragen, denn die Antworten helfen nicht nur, das ›Dritte Reich‹ besser zu verstehen — wir können auch über die Gegenwart einiges lernen«, sagt Mezger. Im Gespräch wird schnell klar: Sie hat das Thema nicht aus Opportunismus gewählt. Angefangen hat ihre Faszination 2017 mit der Lektüre eines Aufsatzes des französischen Historikers Mark Bloch. »Er reflektierte darüber, wie Falschnachrichten in Zeiten des Krieges, in Zeiten der Unsicherheit und der ›Lügenpropaganda‹, ihren Weg gehen«, sagt Mezger. »Das fand ich unheimlich interessant, insbesondere während der ersten Amtszeit von Donald Trump, als auch in Deutschland viel über die ›Lügenpresse‹ geredet wurde.«
Ich habe mich immer sehr für die Zeit des Nationalsozialismus interessiert, unter anderem, weil meine Großeltern 1933 wegen der Nationalsozialisten in die USA auswanderten.
CAROLINE MEZGER
Dass Mezger 90 Jahre alte Gerüchte beleuchten wollte, lag auch an ihrer eigenen Familiengeschichte: »Ich habe mich immer sehr für die Zeit des Nationalsozialismus interessiert, unter anderem, weil meine Großeltern 1933 wegen der Nationalsozialisten in die USA auswanderten«, sagt Mezger. Die in der Schweiz aufgewachsene Historikerin studierte an der US-amerikanischen Universität Yale, absolvierte ihren Master an der damals noch in Budapest ansässigen Central European University, promovierte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und ging danach ans Institut für Zeitgeschichte, ein Leibniz-Institut in München. Mezger bewarb sich mit ihrer Idee, die informellen Kommunikationspraktiken in Europa während des Zweiten Weltkriegs zu erforschen, im Leibniz-Wettbewerb. Mit ihrer Leibniz-Junior Research Group bekam sie 2019 die Möglichkeit, das komplexe Thema mit den notwendigen Ressourcen anzugehen.
Wie nähert man sich etwas so schwer Greifbarem wie Gerüchten? »Oft hat man in der Geschichtswissenschaft Quellen, von denen man Fragen ableitet. Wir sind umgekehrt vorgegangen: Wir haben erst die Fragen gestellt — und dann nach Quellen gesucht«, sagt Mezger. Ihr Team durchforstete Überwachungsberichte der Gestapo, zeitgenössische Medien, Tagebücher, Briefe und Memoiren. Die drei wissenschaftlichen Mitarbeitenden beleuchteten die informelle Kommunikation in den von Deutschland besetzten Gebieten in Polen und Frankreich sowie in der deutschen Kriegsgesellschaft. Caroline Mezger untersuchte den Einfluss der Zwangsmigration auf die Verbreitung von Gerüchten.
»Die Förderung ist auf fünf Jahre ausgelegt. Das gab uns enorm wertvolle Zeit«, sagt Mezger. Zeit für gründliche Recherchen, aber auch für den Austausch auf internationalen Fachkonferenzen: »Wir konnten unsere Erkenntnisse zum Beispiel ins Verhältnis setzen zur Forschung über die Rolle von Gerüchten während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion.«

Der ganze Kontinent hat in dieser Zeit weit mehr über Ländergrenzen hinweg kommuniziert, als man annimmt.
Über die Jahre reiften in Mezgers Forschungsgruppe eine Reihe von Erkenntnissen heran, manche davon überraschend: »Der ganze Kontinent hat in dieser Zeit weit mehr über Ländergrenzen hinweg kommuniziert, als man annimmt.« So ging 1941/42 das Gerücht einer Prophezeiung um: Die Kirschen würden noch dreimal blühen, hieß es, dann werde Deutschland besiegt sein. »Das Gerücht haben wir an vielen Orten in Europa gefunden. Wir haben Netzwerke identifiziert, die Landesgrenzen überschritten und solche Gerüchte verbreiteten: Besatzungssoldaten und Menschen, die von Zwangsmigration betroffen waren, aber auch Mitarbeitende der Kirchen.« Und etwas anderes wurde deutlich: »Die Gerüchte spiegelten ein recht genaues Wissen über die Gräueltaten des Nationalsozialismus wider«, sagt Mezger. »Große Teile der Bevölkerung wussten sehr viel über den Holocaust. Sie wussten, dass es Konzentrationslager gab und was darin geschah.«
Alle drei Mitarbeitenden des Projekts wurden inzwischen promoviert. Und auch für Mezger war die Förderung, die noch einmal verlängert wurde, ein »großartiges Sprungbrett«. Noch während des Projekts wurde sie als Professorin an die Pariser École des hautes études en sciences sociales (EHESS) berufen, eine der renommiertesten Hochschulen Frankreichs. Das Thema ihres Lehrstuhls könnte nicht passender sein: die transnationale Geschichte des nationalsozialistischen Europas.



