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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 14 antwortet Daria Reznyk. Sie promoviert am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig im Bereich Wissen und Wahrheit.

Weitere Beiträge aus der Rubrik 30 um die 30 gibt es hier.

LEIBNIZ Frau Reznyk, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

DARIA REZNYK Ich arbeite mit Zeitzeug*innenberichten über traumatische Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?

Ich führe eine narrative Analyse von Oral History-Interviews über die sowjetischen Deportationen aus dem westlichen Teil der Ukraine in den Jahren 1944 bis 1953 durch.

Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscherin?

Meine Kolleginnen und ich haben mehrere Ausstellungen zur Zwangsarbeit von Ukrainerinnen in Deutschland entwickelt, basierend auf Briefen und Fotografien von weiblichen Zwangsarbeiterinnen. Uns gelang es, die Ausstellungen direkt an den Orten zu zeigen, an denen diese Menschen einst zur Arbeit gezwungen wurden. Das war für mich ein bedeutender Moment: mit der Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, um gemeinsam mehr über die lokale Geschichte zu erzählen. Ich durfte sogar unser Ausstellungsprojekt im Fußballstadion in Gelsenkirchen vorstellen – vor dem Spiel von Schalke 04 gegen den HSV! Schalke hat zwar verloren, aber für mich war dieser Moment unglaublich: vor so vielen Menschen über unsere Arbeit sprechen zu dürfen!

FC Schalke 04 gegen Hamburger SV

Als Wissenschaftlerin aus der Ukraine ist es für mich besonders herausfordernd – aber auch besonders wichtig – gerade heute Forscherin zu sein.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Im Idealfall würde mein zukünftiges Buch dazu beitragen, viele Mythen zu entkräften, die seit Jahren den öffentlichen Diskurs der westlichen Welt über die Ukraine prägen. Der Krieg hat eine neue Welle von Diskussionen ausgelöst, und ich wünsche mir, dass mein Buch eines Tages einige Antworten liefern kann.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Als Wissenschaftlerin aus der Ukraine ist es für mich besonders herausfordernd – aber auch besonders wichtig – gerade heute Forscherin zu sein. Manchmal denke ich jedoch, es wäre einfacher gewesen, in einer Zeit zu arbeiten, in der die Demokratie auf dem Höhepunkt war und wir noch an eine gerechte Welt geglaubt haben.

»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Ich denke, das würde ziemlich gut passen, denn es war schon seit meiner Schulzeit mein großer Traum, Historikerin zu werden.

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Einige meiner engen Freund*innen haben mit Wissenschaft gar nichts zu tun, und manchmal habe ich das Gefühl, dass ihr Leben viel stabiler ist – sowohl was den Alltag betrifft als auch in Bezug auf Dinge wie Bezahlung und Lebensstandard. Ich denke, ein Leben außerhalb der Wissenschaft kann vorhersehbarer und geregelt sein – aber ganz sicher nicht so spannend. :)

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Stabilität. Viele meiner älteren Kolleginnen haben feste Stellen oder langfristige Projekte, in denen ihr Fachwissen und ihre Autorität als etablierte Expertinnen geschätzt werden. Wenn man – wie man bei uns sagt – noch eine »junge Wissenschaftlerin« ist, muss man sehr viel arbeiten, um sich in der Fachwelt einen Namen zu machen, und sich ständig neuen Herausforderungen stellen. Das ist spannend, aber auch ermüdend.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Durchhaltevermögen und Fleiß. Einige meiner Bekannten außerhalb der Wissenschaft denken, dass man für eine wissenschaftliche Karriere ein besonderes Talent oder eine außergewöhnliche Begabung braucht. Ich finde, es geht mehr um die tägliche Arbeit. Um kleine, stetige Schritte und ständige Weiterentwicklung.

Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?

Ein Teil der Menschen denkt, dass ich etwas sehr Langweiliges mache – ein anderer Teil glaubt, dass ich etwas sehr Kompliziertes tue.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Ich würde mir wünschen, dass Menschen ein breiteres Verständnis von Geschichte haben und sich darunter nicht nur etwas Trockenes mit vielen Namen und Jahreszahlen vorstellen. Tatsächlich sind alle meine Historikerfreund*innen Menschen mit ziemlich viel Humor – der auch mal schwarz sein kann.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

… ich mir nicht ständig Sorgen um Geld und meine Zukunft in Deutschland als Migrantin machen müsste.

Davon hätte ich gern mehr: …

… Zuversicht für die Zukunft.

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wäre das …

… all die Kriege, unter denen momentan so viele Menschen leiden – auch in meinem Heimatland.

Jede/r sollte wissen, dass…

… Frieden und Demokratie ständig erkämpft und geschützt werden müssen. Sie sind keine Selbstverständlichkeit.

Um das ein für allemal richtig zu stellen: …

… Oral History ist nicht dazu da, »die Wahrheit« über ein bestimmtes Ereignis zu erzählen. Sie bietet einen menschlichen Blick eines Augenzeugen auf das Geschehen. Und wie wir alle können sich auch Zeitzeug*innen irren oder etwas vergessen. Aber solche Einblicke findet man in keinem Archivdokument.

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Mit einem leckeren Frühstück, das viele Früchte und guten Kaffee enthält, und einem klar geplanten Tagesablauf.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Darauf, am Text meiner Dissertation arbeiten zu können.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Auf mein Fitness-Training, Zeit mit meinen Lieben und vielleicht ein bisschen Zeit mit The Sims.

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Obst, Nüsse und Schokolade.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Eine kurze Reise in eine andere Stadt mit meinen Lieben.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Die Teilnahme an Konferenzen und der Austausch von Gedanken und Ideen mit Kolleg*innen sowie die Arbeit mit meinen Quellen, also Materialien aus Oral History-Interviews.

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Mich ganz in den Arbeitsprozess zu vertiefen und das Handy etwas weiter von mir wegzulegen.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Wenn ich genau weiß, was ich für heute geplant habe, ich inspiriert bin und der Text gut fließt.

DARIA REZNYK ist 27 Jahre alt. Sie ist Doktorandin an der Universität Leipzig, Forscherin am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) sowie Mitglied der ukrainischen Nichtregierungsorganisation »Після Тиші« (Nach der Stille). Sie arbeitet mit Oral History-Interviews zu den sowjetischen Deportationen in der Ukraine in den Jahren 1944–1953 sowie zu den Themen Zwangsarbeit und Massenvernichtung im 20. Jahrhundert.

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