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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 12 antwortet Quirin Eimer. Er ist Museologe am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg im Bereich »Sammlung Volkskunde/Spielzeug«.

Weitere Beiträge aus der Rubrik »30 um die 30« gibt es hier.

LEIBNIZ Herr Eimer, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

QUIRIN EIMER Wie können Objekte und Informationen im Museum organisiert werden, sodass alle beteiligten Personen, von Mitarbeitenden zu Besuchenden, schnell und intuitiv ihr Wissen einbringen und fremdes Wissen herausziehen können? Ich fungiere praktisch als Bindeglied zwischen den Forschenden am Objekt und der IT-Abteilung.

Ihr Forschungsthema, einem Kollegen oder einer Kollegin erklärt?

Ich beschäftige mich mit der Struktur und Administration von Museumsdatenbanken. Das fängt sehr simpel an, zum Beispiel mit Fragen wie: Wie soll ein Eintrag eines Objekts aussehen?, also Grundlagen der digitalen Inventarisierung. Das führt aber schnell zu sehr komplexen Sachverhalten, wie etwa beim maschinenverwertbaren Aufbau von Provenienzdaten, Datenbankverknüpfungen oder (inter-)nationalen Datenstandards. Probleme gibt es dabei auf jeder Ebene. Sei es direkt bei der Ersterfassung von untypischen Objekten oder bei der Frage von Datenschutz und öffentlicher Zugänglichkeit. Und im Optimalfall soll das Ganze ja auch noch effizient, modular und zukunftssicher sein. Zurzeit beschäftige ich mich mit der Digitalisierung der Zinnfigurensammlung Alfred R. Sulzers. Da geht es eher um Daten- und Sammlungsmanagement, Datenmapping und Pflege von Objektdaten.

Es gibt viele Personen, die meine Tätigkeit nicht als ›Forschung‹, sondern als ›Hilfsarbeiten‹ betiteln würden. Ich bin da natürlich anderer Meinung.

QUIRIN EIMER

Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscher?

Puh, ich glaube, da gibt es viele kleinere Momente, die mir am Herzen liegen. Ich habe meine Tätigkeiten als HiWi sehr genossen. Zuständig für eine ganze Grabungsdatenbank zu sein, wenn auch nur ein halbes Jahr lang, war mein erster großer Schritt in Richtung Datenmanagement und Administration. Mir gefielen aber auch die ganzen kleinen Interaktionen in meinem Volontariat: die Schulungen, die ich mit Angestellten durchgeführt habe, oder die kleinen Interaktionen, wenn ich Personen bei ihren Problemen mithilfe digitaler Werkzeuge weiterhelfen konnte.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Es wäre viel gewonnen, wenn die digitale Erfassung von Objekten in allen Museen verstärkt vorangetrieben werden würde. Mein Traum: alle Sammlungen komplett digital in einer Datenbank, die nach aktuellen Standards konzipiert und über Verknüpfungen mit anderen Datenbanken in Deutschland, vielleicht sogar auf internationaler Ebene, verbunden sind. Am besten wäre es natürlich, wenn alle Institutionen ihre Daten auch öffentlich zeigen. Das würde nicht nur die Forschung an den Objekten und die Kommunikation von Forschenden wesentlich erleichtern, es würden sich auch ganz neue Möglichkeiten für beispielsweise die Provenienzforschung oder auch interessierte Laien eröffnen.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftler gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Ich bin klassischer Archäologe und würde entsprechend natürlich gerne mal in der Vergangenheit vorbeischauen. Forschen und arbeiten will ich dann aber doch lieber heute. Unser Forschungs- und Arbeitsklima im kulturwissenschaftlichen Bereich ist bei Weitem nicht optimal, aber ich sehe ehrlich gesagt in der Vergangenheit ebenfalls keine Utopie für die Forschung. Im Zweifelsfall bin ich ein Optimist und denke mir: Das wird alles besser, solange viele Leute zusammenarbeiten, auch wenn es nur langsam und Schritt für Schritt vorangeht! Insofern wäre meine Antwort auf die Frage wohl: In der Zukunft!

Foto POLINA SCHANZ/GNM
Foto POLINA SCHANZ/GNM

Außenstehende sind oft vom Datenwust in einem Museum überrascht.

Ein Leben für die Wissenschaft – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Unwahrscheinlich. Es gäbe viele Personen, die meine Tätigkeiten und Bemühungen nicht als »Forschung« oder gar »Wissenschaft«, sondern eher als »Hilfsarbeiten« betiteln würden. Ich bin da natürlich anderer Meinung, aber in das Bild der klassischen Forschung passe ich definitiv nicht. Wenn es zu meiner Biografie passen soll, dann wäre vielleicht ein Titel wie »Ordnung im Chaos« gut geeignet.

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Die meisten Personen, die nie wirklich »hinter« die Kulissen der Museumsarbeit geblickt haben, haben keine Ahnung, wie chaotisch vieles abläuft. Sehr viele Arbeitsabläufe haben sich einmal etabliert und werden dann einfach weitergetragen. Man ist damit beschäftigt, das Tagesgeschäft zu organisieren und für langfristige Projekte, die keinen unmittelbaren Nutzen haben, ist oft keine Zeit und kein Geld vorhanden. Außenstehende Personen nehmen Museen oft als top organisiert und enorm strukturiert war. Der Datenwust und teils chaotische Sammlungsstrukturen überraschen die Leute, wenn ich ihnen davon erzähle.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

In gewisser Weise hat meine Generation in unserem Feld Glück. Wenn ich mich mit anderen Personen unterhalte, die vor mir als Datenbankadministratoren tätig oder für Digitalisierung im Museum zuständig waren, stellt sich schnell heraus, dass sie Neuerungen oft noch durchboxen mussten. Ich musste auch teilweise diskutieren, um alte Strukturen zu verändern und Fortschritte erkämpfen. Aber mittlerweile kommt es mir vor, als ob sich die Stimmung geändert hat und zumindest akzeptiert wird, dass Änderungen im Umgang mit Objektdaten notwendig sind.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Durchsetzungsvermögen. Und vielleicht eine gewisse Sturheit.

Wie werden Sie als Wissenschaftler in der Gesellschaft wahrgenommen?

Als Archäologe kommen natürlich immer Fragen zu Dinosauriern, obwohl das dafür natürlich die komplett falsche Disziplin ist. Allgemein wird mir als Museumsmitarbeiter zu allen möglichen historischen und kulturellen Themen, die es so gibt, Kompetenz zugeschrieben – egal, um welche Epoche, Kultur oder welchen Kontinent es gerade geht. Das bringt mich ab und an in Verlegenheit. Aber lieber ein zu positives Bild als ein komplett negatives, schätze ich.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Als extrem eingeschränkter Spezialist innerhalb einer sehr, sehr großen Maschine. Ich beschäftige mich mit einem sehr kleinen Fachbereich – Datenmanagement und Digitalisierung – innerhalb der Museumslandschaft. Und dazu noch einem, der oft nicht gerade glamourös daherkommt. Ich bin sehr gut in dem, was ich tue, aber kein Experte in sämtlichen musealen Fragen. Ich würde mir mehr Aufmerksamkeit bei PR-Kampagnen für das etwas »langweilige« Thema Inventarisierung und Datenmanagement wünschen.

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

... Museen, Leihgeber und Abteilungen besser miteinander kommunizieren würden.

Davon hätte ich gern mehr:

Zeit und eine Klimaanlage.

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wäre das ...

Missverständnisse.

Jede/r sollte wissen, dass ...

kleine, langsame Schritte jede Menge bewirken können.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Excel ist keine Datenbank!

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Die befristeten Verträge und der Stellenmarkt allgemein. Zwar kann ich mit meinem kleinen IT-Hintergrund durchaus hervorstechen, aber auch hier sind die Stellen rar gesät und so gut wie immer projektbasiert und befristet. IT, Datenbank und digitale Strukturen werden in Museen außerdem immer noch oft stiefmütterlich behandelt. Dabei wäre ein festes Team, das langfristig Strukturen pflegen und erhalten kann, enorm wichtig. Es fühlt sich für mich oft danach an, dass nicht weit genug gedacht wird. Auch kleine Institutionen könnten mit wenigen Personen viel erreichen. Aber nicht, wenn die nur für ein bis zwei Jahre angestellt werden und danach niemand da ist, um die neu gewonnenen Strukturen aufrecht zu erhalten.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Ich bin sehr flexibel und abenteuerlustig, wenn es an die Arbeitssuche geht. Da ist mir kein Thema zu fern und kein Museum zu klein oder zu groß. Ich mag ungewöhnliche Objektgruppen und einzigartige Herausforderungen. Bisher führte das dazu, dass ich eher früher als später Museen gefunden habe, die sich für mich interessieren. Mir hilft es auch, mich daran zu erinnern, dass Digitalisierung noch länger ein großes Thema in der musealen Landschaft sein wird. Das hier ist erst der Anfang und wer weiß, wohin es noch geht. Für die Museen und für mich.

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Nicht wirklich. Ich kann meine Arbeit ziemlich gut von meinem Privatleben trennen. Ich würde aber lügen, wenn ich sagen würde, dass mich einige Objekte nicht in den Schlaf verfolgt hätten. Ziegelsteine, Zinnfiguren und Blankwaffen haben’s alle schon geschafft …

Ihr liebster Arbeitsplatz?

Ich habe da gerne immer wieder etwas Abwechslung. Depots, Grabungsschnitte, Abstellkammern … Aber an sich mache ich es mir mit ein bisschen Tee und was zum Knabbern gerne im Büro gemütlich.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Mit strikter Morgenroutine: Aufstehen, fertigmachen, ins Büro fahren … und dann erstmal kurz mit einem Tee innehalten und in den Tag starten.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Meine lieben Kolleg*innen! Die Arbeit wäre nicht halb so schön ohne das wunderbare, wortwörtliche Zusammenarbeiten.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Ein kleines Nickerchen im Bett und meine Brett- und Rollenspielsammlung.

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Schokolade geht immer! Ich habe aber immer mein Bonbon-Glas griffbereit und im Sommer darf ein gelegentliches Eis nicht fehlen.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Ich liebe Puzzles! Die gehen auch schnell mal zwischendurch, wenn ich gerade überlastet bin. Daheim gibt’s für Ruhepausen nichts Besseres als lesen.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Mit anderen Leuten reden, seien es Kolleg*innen oder Freunde. Auch wenn sie gar nichts mit meinen Aufgaben oder Problemen zu tun haben, hilft so ein Dialog oft, Lösungen und neue Ideen zu finden.

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Ich habe ADHS und mehr Methoden, als ich hier aufzählen könnte! Aber kurze Achtsamkeitsübungen zwischendurch kann ich wirklich jedem empfehlen, um runterzukommen und sich wieder zu konzentrieren.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Morgens, wenn ich der einzige im Büro bin und entspannt vor dem Laptop sitze, während die Sonne aufgeht.

Ich liebe Puzzles – die gehen auch mal schnell zwischendurch!

QUIRIN EIMER, 27, hat klassische Archäologie studiert und arbeitet derzeit als Museologe am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zur Erfassung, Inventarisierung und Digitalisierung der Zinnfigurensammlung Alfred R. Sulzer.

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