Fragt man Laura De Laporte, was das Geheimnis ihrer Karriere ist, antwortet sie: Ich hatte schon sehr viel Glück.
Dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann, zeigt ein Blick auf ihren Lebenslauf. Die 44-jährige Belgierin ist Professorin für Makromolekulare Materialien für die Medizin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH). Zugleich leitet sie eine Forschungsgruppe am DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien und ist Mitglied der Wissenschaftlichen Leitung. 2018 war sie eine der ersten Leibniz-Professorinnen. Und für ihre Forschung zur Produktion von durchbluteten, schlagenden menschlichen Mini-Herzmodellen aus dem Labor erhielt sie die wichtigste europäische Wissenschaftsförderung, einen ERC Consolidator Grant.
Alles nur Glück, Frau De Laporte?
Naja
, antwortet sie und erzählt eine Anekdote aus ihrer Kindheit: Zwölf Jahre lang sei sie bei den Pfadfindern gewesen. Die teilten allen Kindern ein Adjektiv und ein Tier zu, die ihre Persönlichkeit beschreiben sollten. Ihr Tier war der hartnäckige Waschbär.

Für eine Forscherin ist Hartnäckigkeit eine wichtige Eigenschaft, denn die Prozesse sind langwierig. Seit über zehn Jahren forscht Laura De Laporte an »ihrem« Anisogel, auf das sie mittlerweile ein Patent hat. Dabei handelt es sich um eine Flüssigkeit, die zum Beispiel in verletztes Rückenmark injiziert wird. Sie enthält winzige magnetische Stäbchen, die im Körper mit Hilfe eines Magneten ausgerichtet und verfestigt werden können. Wenn die Nervenzellen nachwachsen, sollen sie sich an diesen Strukturen orientieren und in die richtige Richtung gelenkt werden. In vitro klappt das super
, sagt De Laporte. Die Untersuchungen in vivo, also im Körper, laufen in Kooperation mit der University of British Columbia in Vancouver. Demnächst zieht De Laporte mit ihrer Familie für ein halbes Jahr nach Kanada, um die Forschung dort zu unterstützen.
De Laporte ist vertraut mit den zahlreichen Ortswechseln, die eine Wissenschaftskarriere mit sich bringt. Sie wuchs in dem belgischen Dorf De Pinte bei Gent auf, ihr Vater war Bioingenieur, ihre Mutter Chemikerin. Ich habe mir von beiden etwas rausgepickt
, erklärt De Laporte ihre Studienentscheidung: Chemieingenieurwesen. Ihren Interessen entsprach das eigentlich nicht ganz, zu viel Fokus lag auf der chemischen Verarbeitung von Erdgas und Erdöl: Das war mir zu viel Petrochemie.
Gegen Ende ihres Studiums war sie unsicher, in welche Richtung es weitergehen sollte. Ihr Vater riet ihr: Schließ erstmal ab. Das Zeugnis ist ein wertvolles Ticket, mit dem du auf verschiedene Züge aufspringen kannst.
Welcher Zug es werden sollte, wurde De Laporte während einer Vorlesung des renommierten Polymerchemikers Etienne Schacht klar. Ganz am Ende, nur auf einer einzigen Folie, ging es um Tissue Engineering, die Möglichkeit Gewebe nachzubauen. Ich weiß noch, dass ich dachte: Das ist ja megacool.
Das einzige Problem: In Belgien kannte sie kein einziges Institut mit diesem Forschungsschwerpunkt.
Für eine Forscherin ist Hartnäckigkeit eine wichtige Eigenschaft, denn die Prozesse sind langwierig.
In den USA hingegen schon. Dorthin folgte Laura De Laporte ihrem damaligen Freund und heutigen Mann. Sie promovierte bei Lonnie Shea, einem Experten für Biomedical Engineering, ging dann in die Schweiz, um sich bei Jeffrey Hubbell noch stärker auf Hydrogele für den Gewebeaufbau zu spezialisieren. Als Ihre zweite Tochter gerade einmal vier Tage alt war, folgte sie ihrem Mann ein weiteres Mal, diesmal nach Deutschland. Über Umwege und mit einer ordentlichen Portion Hartnäckigkeit landete Laura De Laporte am DWI in Aachen und habilitierte sich 2017 an der RWTH.
Dann folgte das, was De Laporte den Kipppunkt ihrer Karriere nennt: Sie wurde an der RWTH auf eine W2-Professur berufen. Ich bin mir sicher, dass ich die Professur ohne das Leibniz-Professorinnenprogramm nicht bekommen hätte
, sagt sie im Rückblick. Seit November 2024 hat sie eine W3-Professur inne und damit die höchste Stufe der akademischen Laufbahn erreicht, an einer der renommiertesten Technischen Hochschulen in Europa.
Aachen ist für meine Forschung der perfekte Ort
, sagt Laura De Laporte. Das Besondere sei die enge Zusammenarbeit zwischen DWI, RWTH und deren Uniklinik, die für viele ihrer Projekte ideal sei. Zurzeit erforscht unsere Arbeitsgruppe, ob mit der Injektion des Anisogels sogar Heilung möglich ist
, sagt sie. Nicht nur bei Rückenmarksverletzungen, auch bei Knorpelschäden oder Gewebeschäden nach Herzinfarkten sei der Einsatz denkbar. Von der Entwicklung des Materials für die Gewebezucht über die Gewebeproduktion bis zur Anwendung passiere alles auf demselben Campus. Gerade begeistert sich De Laporte für die neueste Errungenschaft der Aachener Institute: Ein Roboter, der akkurat pipettieren kann. Mit seiner Hilfe können wir menschliche Mini-Gewebemodelle schnell und präzise züchten und analysieren. Das ist für das Testen innovativer Therapien zentral
, erklärt sie. Letztlich ist es wohl das, worauf ihre Karriere fußt: Auf dem Zusammenspiel von Mensch und Werkzeug, von Idee und Material, von Glück und Hartnäckigkeit.
HOHES RISIKO, HOHER GEWINN
Seit 2023 ermöglicht der Leibniz-Wettbewerb explizit »High Risk – High Gain«-Projekte im Programm Leibniz-Kooperative Exzellenz – und hat damit einen Nerv getroffen: Etwa die Hälfte aller Anträge in diesem Programm entfallen seitdem auf risikoreiche Projekte. Meist geht es um die großen Herausforderungen unserer Zeit, zum Beispiel die Biodiversitätskrise, oder um signifikante technologische Fortschritte, wie bei der Attosekunden-Pump-Probe-Spektroskopie, die ein besseres Verständnis von elektronischen Prozessen auf extrem kurzen Zeitskalen verspricht. In High Risk – High Gain-Projekten verlassen die Forschenden eingetretene Pfade und gehen neue Wege. Sie stellen ungewöhnliche Fragen, wenden originelle Ansätze und innovative Methoden an. Das Risiko: Der neue Weg könnte eine Sackgasse sein. Die Chancen: Enorme Fortschritte, bahnbrechende Ergebnisse und Sprunginnovationen.


