Eine Glühbirne, ein paar Striche als Strahlen drum herum, das Ganze in einer Sprech- oder Gedankenblase – so sieht es aus, wenn eine Comic-Figur die zündende Idee hat. Wer das ikonische Motiv betrachtet, weiß sofort, was Thema ist. Da braucht es nicht viele Worte: Das Bild erzählt die Geschichte, kurz und auf den Punkt.
Wir leben in bildgetränkten Zeiten. Millionen von Motiven fluten täglich die sozialen Medien, und kaum einer kann sich am Abend erinnern, welche Bilder er im Laufe des Tages gesehen hat. Welchen Stellenwert also haben Bilder heute in unserer Kommunikation noch, und welchen Kontext braucht das einzelne Bild, damit es es mehr sein kann als flüchtiges Beiwerk?
Gemeinsam mit Natalia Gagarina vom Berliner Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft hat der Psychologe Markus Huff vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen untersucht, wie gut Bilder helfen können, Themen zu erfassen. Die Ergebnisse ihres Internetexperiments, an dem rund 1.500 Erwachsene mit verschiedenen Bildungsabschlüssen und unterschiedlichen Alters teilgenommen haben, zeigen, sagt Markus Huff, dass visuelle Erzählformen großes Potenzial haben, um Verständnisbarrieren zu reduzieren.
LEIBNIZ Als Kognitionspsychologe beschäftigen Sie sich mit Erkenntnisgewinn, Herr Huff. Können Sie sich erinnern, wie Sie zu der Fragestellung gekommen sind, ob eher Bilder oder Texte helfen, Themen gut zu erfassen?
MARKUS HUFF 2017, am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn, kam ich mit der Problematik der geringen Literalität in Berührung. Die Tatsache, dass zwölf Prozent der erwachsenen Deutschen, die neun Jahre in die Schule gegangen sind, keine längeren Texte verstehen können, hat mich sehr beschäftigt. Die Frage war: Können Menschen, die nachweislich Probleme mit Texten haben, Bildergeschichten besser verstehen?
Kürzlich sagte mir jemand aus einer Schulbehörde: Man könne sich an Schulen nicht auch noch um Bildlehre kümmern, es sei schwer genug, den Kindern ordentlich Deutsch beizubringen. Müsste das nicht erst recht Ansporn sein, mehr mit Bildern zu arbeiten?
Überall da, wo man mit Schrift und Sprache nicht weiterkommt, wird auf Bilder zurückgegriffen. Nehmen Sie die Instruktionen im Freibad oder auf Skipisten. Ich habe eine ganze Sammlung von Icons im Nahverkehr, bei denen man vermuten kann, dass das auch Menschen verstehen können, die kein Deutsch sprechen. Unsere Frage war, ob es eine allgemeine Verstehenskompetenz unabhängig von Text und Bild gibt? Die Antwort ist: Ja, unsere Ergebnisse zeigen genau das.
Es braucht viele Worte, um zu sagen, dass man im Bus nicht trinken darf. Als Bild genügt ein durchgestrichener Becher.
MARKUS HUFF
Mit welchen Bildern haben Sie gearbeitet? Welche Form der Ansprache braucht es?
Die Vielfalt an bildhaften Repräsentationen ist groß, also braucht es immer eine gedankliche Brücke: Das Bild einer Tasse kann abstrakt sein, aber es ist bildhaft nah am Kaffee und am Trinken. Sprache ist artifiziell. Es braucht viele Worte, um zu sagen, dass man im Bus nicht trinken darf. Als Bildsymbol genügt ein durchgestrichener Becher.
Ihr besonderer Fokus waren die Bildgeschichten, richtig?
Ja, bei unserem Projekt haben wir Bildfolgen und Comics verwendet. Die berühmte »Vater und Sohn«-Geschichten von Erich Ohser können rein auf Basis der bildhaften Informationen verstanden werden. Man schaut, was sich von Bild zu Bild verändert. Wie haben sich die Charaktere verändert, die Handlung, vielleicht auch Zeit und Ort? Als Betrachter setze ich Bild für Bild die Geschichte neu in Zusammenhang. Wir sprechen von »Brückeninferenzen«. Ich bin stark involviert und muss selbstständig Lücken zwischen den Motiven füllen. Dieser Integrationsprozess ist sehr wichtig. Das kann anstrengend sein, besonders bei Geschichten, die rein auf dem Bild basieren, anders als Comics mit sehr viel Sprache.
Der Sprache wird mit Blick auf die Bildungsfunktion häufig eine höhere Wertigkeit zugeschrieben.
Das stimmt. Meine Mutter sagte mir oft: Lese nicht so viele Comics! Das sei kein richtiges Lesen und würde mich vom »richtigen Lesen« abhalten. Heute weiß ich: Auch Comics muss man Lesen lernen. Da passieren dieselben Prozesse im Hintergrund.
Stimmen Sie als Psychologe dem Satz zu, wonach ein Bild mehr als tausend Worte sagt?
Diesen Spruch verstehe ich so, dass eine Bildbeschreibung so viel komplexer wäre als das, was das Bild selbst erzählt. Wenn ich in alle Details gehe, von der Farbe zur Form, zu den Akteuren, die dargestellt sind, brauche ich sehr viele Informationen, die ich visuell in Sekundenbruchteilen wahrnehmen kann. Aktuell gibt es übrigens sehr viele Studien zum Bildgedächtnis. Sie zeigen, dass unser Gedächtnis unglaublich groß ist und wir uns unheimlich gut an Bilder, auch an deren kleinste Details, erinnern können.
Mit Ihrer Forschung blicken sie nicht nur auf unsere digitale Gegenwart. Bildergeschichten gab es schon in Steinzeithöhlen oder im alten Ägypten. Es gibt eine Donald-Duck-Folge mit dem Titel »Das erste Comic«. Es spielt bei den Neandertalern.
Es gab immer schon das Bedürfnis, Dinge bildhaft abzubilden. Sogar schon in Kulturen, die gar kein Papier hatten. Man hat quasi in den Staub Wege eingezeichnet.

Auf Social Media fungieren Bilder als Blickfang, die Texte lediglich unterfüttern und Bilder unter Umständen in einen völlig anderen Kontext schieben. Wie würden Sie das einordnen?
Bilder sorgen für Klicks, das ist inzwischen gut belegt. Früher, bei Twitter, gab es nur Text. Jetzt sieht man immer öfter ein Bild. Ich kann innerhalb von 100 Millisekunden erkennen, was auf dem Bild ist. In dieser Zeit habe ich noch nicht einmal angefangen den Text zu lesen.
In Ihrer Studie haben Sie auch den Bildungsgrad in den Fokus genommen.
Bildung ist zentral. Mit steigendem Bildungsgrad steigt das Verständnis, unabhängig davon, ob es über Text oder Bild erworben wird. In einem nächsten Schritt wollen wir untersuchen, wie wir die allgemeine Sprach- und Bildkompetenz verbessern können.
Wenn ich Sie vorhin richtig verstanden habe, bildet auch die Comic-Lektüre?
Comics sind toll. Sie sind eine eigene Kunstform. Ich lese gerne Comics und habe auch zwei Kinder, die gerne Comics lesen. Es ist schön zu beobachten, was sie entdecken. Comic-Künstler und -Künstlerinnen arbeiten quasi wie Kameramänner: Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge. Es gibt beispielsweise in vielen Geschichten Close-Ups von Gesichtern, in denen wir bestimmte Emotionen gut erkennen können.
Was hat Sie bei Ihrer Studie überrascht?
Dass es keinen Alterseffekt gibt. Normalerweise finden wir immer einen Alterseffekt. Bei dieser Studie nicht. Es gibt über die Altersgruppen hinweg, also auch bei den Älteren, eine hohe Stabilität beim narrativen Verstehen durch Bilder. Es ist schön zu sehen, dass die Erfahrungen, die wir über unsere Lebensspanne ansammeln, uns helfen, andere Faktoren, wie ein schwächer werdendes Gedächtnis zu kompensieren. Narrationen sind wirklich etwas Tolles!
Als nächstes möchten Sie sich auf das Bild-Verständnis bei Kindern und Jugendlichen konzentrieren.
Unser Fokus soll auf Kindern im Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule liegen, also Kinder, die mit bildbasierten Medien aufgewachsen sind.



