In der Atacama-Wüste im Norden Chiles wächst ein Berg. Er ist fast so hoch wie ein sechsstöckiges Haus und wird jedes Jahr um mehrere tausend Tonnen schwerer. Doch anstatt aus Steinen und Erde besteht er aus Winterjacken, Sommerkleidern und Kinderschuhen. Er ist die Endstation für Unmengen an ungewollter Kleidung, teils kaputt, teils neu und ungetragen.
An der chilenischen Westküste, im Hafen der Freihandelszone Iquique kommen jährlich rund 59.000 Tonnen Kleidung auf Containerschiffen an, vorrangig aus Europa und Nordamerika. Ein Teil wird als Second Hand-Ware im Land und auf dem Kontinent weiterverkauft, doch der Rest, etwa 40.000 Tonnen, landet auf dem Kleiderberg mitten in der Wüste. Er ist sogar auf Satellitenbildern zu erkennen.
Der stetig wachsende Berg steht stellvertretend für ein stetig wachsendes Problem: die Fast-Fashion-Industrie. Als Fast Fashion bezeichnet man ein Geschäftsmodell der Modeindustrie, dass sich durch extrem schnelle Produktion und den Verkauf aktueller Trends auszeichnet. Das geschieht zu Lasten von Umwelt, Sicherheit und Gesundheit. Denn Fast Fashion-Unternehmen wie H&M und Zara lassen ihre Klamotten in Niedriglohnländern wie Bangladesch, Pakistan oder Indien produzieren. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind meist nicht nur schlecht, sondern auch gefährlich.
Um die Kosten weiter zu drücken, werden Kunstfasern wie Acryl oder Polyester verwendet. Sie belasten die Umwelt gleich dreifach, bei Herstellung, Wäsche und Entsorgung. Laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist die Textilindustrie für zwei bis zehn Prozent der globalen CO2-Emissionen und für bis zu 35 Prozent der Mikroplastikbelastung in den Ozeanen verantwortlich. Die Vereinten Nationen sprechen ihr elf Prozent des globalen Plastikmülls zu.
Die Liste an Problemen, die die Fast-Fashion-Industrie verursacht, ist also lang. Doch wie kommt man gegen einen wachsenden Berg an?
Die verbesserte Sortierung könnte helfen, Textilien leichter zu trennen, sie zu entfärben und dann von vorne zu beginnen.
MARTIN MAIWALD
Im Südosten Berlins arbeitet der Physiker Martin Maiwald an einer Lösung. Hier, am Ferdinand-Braun-Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH), forschen er und sein Team zu einem Verfahren, das es einfacher machen soll, Kleidung zu recyceln. Weltweit werden derzeit nur rund ein Prozent der Altkleider recycelt. Häufig scheitert der Prozess an einem ganz simplen Problem: Moderne Kleidung besteht oft aus gemischten oder gefärbten Materialien, die in klassischen Sortierungs- und Recyclingverfahren kaum zu unterscheiden sind. Hier setzt die vielversprechende Technologie an, die das FBH mit Diodenlasern weiterentwickelt hat. »Shifted Excitation Raman Difference Spectroscopy« nennt sie sich oder kurz: SERDS.
SERDS ist eine Weiterentwicklung der klassischen Raman-Spektroskopie, bei der die Zusammensetzung eines Materials durch das spezifische Schwingungsmuster seiner Moleküle erkannt wird. Dafür bestrahlt man das Material mit einem Laser, wodurch ein schwacher Teil des Lichts zurückgestreut wird und dabei seine Energie ändert: Trifft Laserlicht auf ein Material, verliert es eine ganz bestimmte Energiemenge, die charakteristisch für die molekulare Struktur des Stoffes ist
, erklärt Maiwald. Jedes Molekül ist anders aufgebaut und hat damit auch ein anderes Schwingungsmuster. Es ist wie ein Fingerabdruck.
Und durch eben diesen Fingerabdruck lässt sich herausfinden, ob ein Stoff beispielsweise aus Baumwolle, Viskose, Wolle oder Polyester besteht. Die Signale der herkömmlichen Raman-Spektroskopie sind jedoch sehr schwach. Schon kleinste Störsignale können es erschweren, ein klares Ergebnis abzulesen. Fluoreszierende oder sehr dunkle Stoffe, aber auch Umgebungslicht können den Prozess beeinträchtigen.


Die SERD-Spektroskopie verwendet daher einen Laser mit zwei Wellenlängen. Laser finden wir in vielen Bereichen des Alltags, zum Beispiel in der Telekommunikation, der medizinischen Diagnostik oder auch in Barcodelesern. Häufig genutzte Festkörper- oder Gaslaser sind groß und unhandlich, Diodenlaser hingegen sind nur wenige Millimeter kleine Chips und deswegen vielseitig einsetzbar. Der FBH-Diodenlaser für die SERD-Spektroskopie strahlt auf zwei leicht verschobenen Wellenlängen ab. Denn verschiebt man die Wellenlänge des Laserlichts minimal, »wandern« die Ramansignale exakt mit. An Ort und Stelle hingegen verbleiben die Störsignale. Dadurch kann man denselben Stoff mit den zwei leicht unterschiedlichen Laserlichtfarben messen und die gewonnenen Spektren anschließend einfach voneinander abziehen. So lassen sich die Ramansignale effektiv von Störeinflüssen trennen.
Während das FBH im Textilbereich derzeit noch Pilotexperimente mit der SERD-Spektroskopie durchführt, arbeitet man im Kunststoffbereich schon mit einem Industriepartner zusammen. Bestimmte Kunststoffe dürfen nicht einfach verbrannt werden, da ist die Sortierung extrem wichtig. Die Methode ist prinzipiell in der Lage, die Kunststoffe klar voneinander zu trennen, aber die Industrieanforderungen –, etwa im Hinblick auf die Messungen an Förderbändern mit Geschwindigkeiten von mehreren Metern pro Sekunde –,konnten noch nicht alle berücksichtigt werden
, berichtet Maiwald von dem Prozess.
Auch die Pilotexperimente für die Identifizierung von Textilien sind bisher vielversprechend. Die Forschenden des FBH konnten zeigen, dass sich damit nicht nur klassische Textilfasern wie Baumwolle, Wolle, Viskose oder Polyester zuverlässig unterscheiden lassen, sondern das Verfahren auch bei gefärbten oder gemischten Textilien funktioniert. In Zukunft könnte die SERD-Spektroskopie dazu beitragen, die Prozesse im Textilrecycling effizienter zu machen, erhofft sich Maiwald: Die verbesserte Sortierung könnte helfen, die Textilien leichter sortenrein zu trennen, sie zu entfärben und dann von vorne zu beginnen.
Denkbar wären beispielsweise Sensoren, die die Zusammensetzung von Kleidungsstücken direkt am Sortierband automatisch erkennen. In ihrer ausgereiften Form könnte die SERD-Spektroskopie also einige Klamotten davor bewahren, verbrannt zu werden oder in der Wüste zu landen.
Sogenannte Mikrotrends überfluten den Markt – und sind ebenso schnell wieder out.
Wie sehr die Textilberge wachsen, hängt aber nicht nur von der Frage der Entsorgung und Wiederverwertung ab. Auch die Art, wie wir Kleidung tragen und kaufen, trägt dazu bei. Und sie hat sich grundlegend verändert. Zwischen 2000 und 2014 hat sich die Menge der produzierten Klamotten verdoppelt. Die ständige Bereitstellung und die günstigen Preise ermöglichen es den Konsumentinnen und Konsumenten, immer mehr Teile zu kaufen und diese immer häufiger auszutauschen. Die Trendzyklen haben sich dadurch stark verkürzt – oder sortieren wir durch verkürzte Trendzyklen schneller unsere Kleidung aus? Es ist ein Henne-Ei-Problem.
Statt einer Kollektion pro Jahreszeit, verschwinden aktuelle Modetrends schon nach wenigen Wochen wieder aus den Läden und von den Websites. Sogenannte Mikrotrends überfluten den Markt – und sind ebenso schnell wieder out. Dabei handelt es sich um hochspezifische Trends mit einer sehr kurzen Lebensdauer, die durch die Industrie und vor allem über die Sozialen Medien stark gepusht werden. Meist geht es um ein konkretes Kleidungsstück, ein Muster oder eine einzelne Farbe. So stand der Frühling 2020 im Zeichen des Kuhflecken-Prints, der Sommer 2024 war voller Schleifen und der Frühling 2025 war in »Butter Yellow« gestrichen.
Mittlerweile spricht man sogar von Ultra-Fast-Fashion: Marken wie Shein oder Temu sind noch schneller, vertreiben noch mehr Klamotten und sind noch günstiger als die Konkurrenz. Sie reagieren schnell auf die Signale und produzieren in Rekordgeschwindigkeit – und ziehen Produzent:innen und Umwelt dabei noch mehr in Mitleidenschaft. Wenn der Trend dann wieder vorbei ist, bleibt vor allem eins: ungewollte Klamotten in Kleiderschränken und Läden, die früher oder später auf Müllhalden landen.

Die Fast-Fashion-Industrie sei das komplette Gegenteil nachhaltiger Wirtschaft, man müsse sie deutlich strenger regulieren, sagt Kemfert. Für sie ist das Stichwort »Suffizienz«: weniger Mode, dafür nachhaltiger produziert und länger haltbar. Im Modesektor brauche es Kostenwahrheit: In dem Moment, in dem die wahren Kosten bekannt wären, wären die Billigvarianten gar nicht mehr möglich
, erklärt sie. Wenn Firmen Lohn-, Sicherheits- und Nachhaltigkeitsstandards einhalten müssten, würde sich dies auch im Preis zeigen. Ein wichtiger Schritt sei hierfür das 2023 in Kraft getretene Lieferkettengesetz, das Umweltstandards und Menschenrechte entlang der Lieferketten schützen soll. Auch wenn es noch mehr Transparenz, beispielsweise bei den verarbeiteten Materialien, bedarf.
Die Firmen und Menschen, die von Fast Fashion profitieren sind natürlich gegen jede weitere Regulierung des Markts, doch Kemfert sieht hier nicht nur für Kundschaft und Umwelt einen möglichen Gewinn, sondern auch für sie: Durch weniger Überkonsum und mehr Regulierung schafft man auch mehr Wertschöpfung für das Produkt.
Doch der größte Antrieb für die Politik muss ihre Verpflichtung zu Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit sein. Menschen mit niedrigen Einkommen müssen häufig auf Fast Fashion zurückgreifen, ihnen müsse es ermöglicht werden, sich hochwertigere, nachhaltigere Produkte leisten zu können: Es gilt, ihnen mehr Einkommen zur Verfügung zu stellen, anstatt umweltschädliche, klimaschädliche und arbeitskraftschädliche Produkte in den Regalen zu lassen
, erklärt Kemfert.
Man kann diese Verantwortung nicht immer wieder dem Käufer aufbürden.
CLAUDIA KEMFERT
Während der Berg Kleidungsstück um Kleidungsstück wächst, gibt es also einige Ideen aus Forschung, Wirtschaft und Politik, um ihn kleinzukriegen – sie müssten aber auch gefördert, umgesetzt und eingehalten werden. Eine neue EU-Richtlinie untersagt seit Anfang des Jahres die Entsorgung von Klamotten im Restmüll, sie müssen nun in Altkleidercontainer geworfen werden. Allerdings sorgen illegal aufgestellte Container mit undurchsichtiger Herkunft für Verwirrung.
In Frankreich will man derweil Ultra-Fast-Fashion-Unternehmen mit einem neuen Gesetz den Kampf ansagen. Unter anderem sollen Abgaben von mindestens 10 Euro oder bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises pro Kleidungsstück anfallen, wenn die Produkte bestimmte Umweltstandards nicht treffen. Doch die Regelung gilt nur für Unternehmen mit Sitz außerhalb der EU. Europäische Anbieter, die unter ähnlich schlechten Bedingungen im außereuropäischen Ausland produzieren, bleiben straffrei.
Die Fast-Fashion-Industrie enttarnt viele Baustellen der modernen Welt. Der »triple threat« aus undurchsichtigen Lieferketten, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und umweltschädlichen Praktiken findet sich nicht nur in der Textilindustrie. Auch im Lebensmittel- oder Technikbereich sind diese Probleme allgegenwärtig. Konsumentinnen und Konsumenten sind oft überfordert damit, die richtige Entscheidung zu treffen, und wissen nicht, wie groß ihr Einfluss überhaupt ist.
Letztendlich braucht es wohl eine Mischung aus politischem Bewusstsein, wirtschaftlichen Lösungen und technischer Innovation, wie solche die Martin Maiwald und sein Team am FBH hervorbringen, um den Berg Stück für Stück abzutragen.



