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Warum helfen manche Menschen – und warum tun andere das nicht? Diese Frage habe ich mir schon immer gestellt, in ganz verschiedenen Situationen. Ich bin in Serbien aufgewachsen. Dort habe ich den Krieg erlebt, unter extremen Umständen habe ich extreme Fälle gesehen: Manche Menschen waren wahnsinnig hilfsbereit – andere gerade unter extremen Umständen gar nicht. Vielleicht haben diese Erlebnisse meine Perspektive geprägt, denn ich begann, darauf auch in ganz anderen Kontexten zu achten. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen: Meine Eltern hatten Hunde, Katzen, Hühner, Schweine. Das hat in mir nicht nur eine tiefe Liebe zu Tieren verankert. Ich habe beobachtet, wie sich die Hunde um die Katzenbabys gekümmert haben. Die Hofhunde! Um winzige Katzenbabys! Ich habe mich gefragt: Warum tun sie das?

Später habe ich Biomedizintechnik in Wien studiert und in Schweden in den Neurowissenschaften promoviert. Da ging es nur am Rande um Verhalten, sondern vor allem um die Vorgänge im Gehirn: Welche Zellen, welche Hirnregionen sind wann aktiv? Was beeinflusst diese Aktivität? 2021 kam ich ans Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Hier sah ich die Chance, meine Perspektive auf die Biochemie und Physiologie des Gehirns mit meinem Interesse am Verhalten zu verknüpfen. Ich bewarb mich als Leiterin einer Leibniz-Junior Research Group zu den Fragen: Warum zeigen Mäuse soziales Verhalten? Wann helfen sie sich und was passiert dabei im Gehirn?

Ich wurde abgelehnt.

Aber zugleich wurde ich ermuntert, es noch einmal zu probieren – beim zweiten Mal hat es dann auch geklappt. Dank der Förderung konnte ich zwei Doktoranden beschäftigen. Wir machten verschiedene Experimente mit teilweise erstaunlichen Ergebnissen. Wir haben zum Beispiel zwei Mäuse in zwei getrennte Kammern gebracht, von denen aus sie sich gegenseitig sehen konnten. Maus 1 konnte mit viel Anstrengung eine Tür öffnen, damit Maus 2 zu ihr gelangen konnte. In einem zweiten Versuch haben wir Wasser in die Kammer von Maus 2 geleitet und sie in Bedrängnis gebracht. Als Maus 1 den Stress von Maus 2 sah, hat sie sich noch mehr angestrengt, die Tür zu öffnen, damit Maus Nummer 2 zu ihr flüchten kann.

Gibt es Stoffe, mit denen wir einen Mangel an Empathie im Gehirn ausgleichen können? 

SANJA BAUER MIKULOVIĆ

Währenddessen haben wir gemessen, was im Hippocampus von Maus Nummer 1 passiert. Dieses Hirnareal ist unter anderem für die Speicherung von emotionalen Ereignissen zuständig. Wir konnten zeigen, dass dort spezielle Zellen aktiv sind, wenn Maus Nummer 1 versucht, die Tür zu öffnen. Diese Zellen haben wir deshalb Liberation Cells genannt, also Befreiungszellen. Verschiedene Nervenverbindungen wurden im Laufe des Experiments auch neu geknüpft, was sich darin zeigte, dass Maus 1 schneller reagierte, sobald Maus 2 in Bedrängnis geriet. Das heißt: Helfendes Verhalten stärkt die Zusammenarbeit der Neuronen.

Allerdings zeigte sich, dass etwa fünf Prozent der Mäuse überhaupt keine Anstalten machten, ihren Nachbarn zu helfen. Wir haben diese Nachbarn natürlich rechtzeitig aus dem Wasser gehoben. Ich liebe Tiere und stresse die Mäuse nur so lange, wie es für unsere Forschung unbedingt notwendig ist. Aber ihre Artgenossen hätten ihnen nicht geholfen. Diesen Mäusen mangelte es offenbar an Empathie. Ähnlich hoch ist die Quote bei Menschen: Bei ungefähr jedem Zwanzigsten ist die Empathiefähigkeit signifikant gestört. Da wir nun wissen, welche Zellen und Verschaltungen für Hilfsbereitschaft und damit auch für Empathie wichtig sind, ergibt sich langfristig eine therapeutische Perspektive: Gibt es Stoffe, die im Gehirn so wirken, dass sie einen Mangel an Empathie beheben? Wir haben uns auf einen der renommierten ERC Grants beworben – und tatsächlich die Zusage bekommen! Jetzt können wir erforschen, wie man ein bestimmtes Enzym beeinflussen könnte, das die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn hemmt. Es gibt Hinweise darauf, dass sich Neuronen lichtempfindlich machen lassen, indem man eine Substanz aus Algen einspritzt. Auf diese Weise könnte man Nervenzellen mithilfe von Licht aktivieren oder hemmen. Das klingt erst einmal unheimlich, könnte aber vielen Menschen helfen.

Damit ich mich auf Förderungen wie den ERC Grant bewerben konnte, musste ich erste Forschungsergebnisse nachweisen, wie die des Mäuse-Experiments. Ohne die Unterstützung im Leibniz-Wettbewerb wäre das gar nicht möglich gewesen. Auch die Sorgen über die Finanzierung meiner Forschung, wie sie leider unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in meinem Alter weit verbreitet sind, sind bei mir recht gering. Meine Leibniz-Junior Research Group wird noch bis 2027 gefördert, was unserer Forschung viel Freiheit gibt. Und nicht nur die finanzielle Förderung ist wertvoll: Es gibt regelmäßige Treffen mit den anderen Teilnehmenden des Programms. Sie forschen an den unterschiedlichsten Themen, das ist immer sehr inspirierend! Und ausgerechnet eine fordernde Professorin aus der Auswahlkommission hat mich kürzlich eingeladen, einen Vortrag bei einem großen Kongress zu halten. Die Förderung trägt mich also nicht nur – sie öffnet auch ständig neue Türen. Ich muss dann nur zeigen, dass meine Forschung wichtig und relevant ist. Aber das fällt mir nicht schwer, denn davon bin ich von Herzen überzeugt.

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