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Dieser Artikel ist Teil unseres neuen Schwerpunkts »Medizin«!

Als Ping Shen zum ersten Mal Menstruationsblut für ihre Forschung sammelt, bittet sie ihre Kolleginnen während der Mittagspause um eine Spende. Damals, sagt sie, habe sie am Deutschen Rheumaforschungszentrum in Berlin noch in überraschte Gesichter geschaut. Menstruationsblut? Das ist doch Abfall! Doch was ihre Kolleginnen und die Hälfte aller Menschen schlicht in der Toilette herunterspülen, ist für Ping Shen bereits im Jahr 2015 ein kostbarer Forschungsgegenstand. Für sie ist es nicht eklig oder ein Anlass, sich zu schämen, sondern eine Chance, Millionen Menschen ein gesünderes Leben zu ermöglichen.

Und so erklärt Ping Shen ihren Kolleginnen damals geduldig, worauf genau sie es abgesehen und was sie damit vorhat. Wenn ihre Kolleginnen ihr nur etwas davon in einer Menstruationstasse auffangen würden, sagt sie, dann sei es doch kein Müll mehr, oder?

Das war ein Game Changer, erinnert die Immunbiologin sich heute. Mehr als zehn Jahre später hat sie längst genügend Spenden gesammelt. Und nicht nur sie weiß heute um das Potenzial, das Menstruationsblut für die Medizin hat. In verschiedensten Bereichen beginnen Forschende, die Körperflüssigkeit in den Blick zu nehmen, denn sie ist reich an Proteinen, Hormonen und Immunzellen. Ein Team aus Zürich etwa hat kürzlich eine Technologie entwickelt, mit der sich Krankheits-Biomarker im Menstruationsblut nachweisen lassen. Direkt in der Binde.

Ich wollte herausfinden, ob sich aus Stammzellen im Menstruationsblut eine therapeutische Wirkung für MS ableiten lässt.

PING SHEN

Ping Shen hat es auf etwas anderes abgesehen: Das Menstruationsblut enthält wertvolle Stammzellen, die der weibliche Körper Monat für Monat ausscheidet – und die mit Tampons und Binden einfach im Müll landen. Dabei gelten Stammzellen seit einigen Jahrzehnten als Hoffnungsträger in der Medizin, weil sie sich in verschiedene Zelltypen verwandeln und vermehren können. Besonders in der Forschung zu Krebs- und Autoimmunerkrankungen spielen sie deshalb eine wichtige Rolle.

Für die therapeutische Anwendung werden sie heute dabei meist von einer Spenderin oder einem Spender über einen Zugang in der Armvene entnommen, direkt aus dem Blutkreislauf. In den Tagen vor der Spende regt eine Art Wachstumshormon die Produktion an. Stammzellen aus Knochenmark oder Fettgewebe lassen sich sogar nur durch einen operativen Eingriff unter Vollnarkose gewinnen.

Das Potenzial von Menstruationsblut für ihre Forschung entdeckt Ping Shen 2015 bei einem Besuch in ihrer Heimat China. Dort trifft sie ihren früheren Professor und Doktorvater Juntang Lin wieder, der schon damals mit Stammzellen aus Menstruationsblut arbeitet und erste Effekte auf das Immunsystem beobachtet. Ping Shen hat zu dieser Zeit gerade frisch ihre Promotion abgeschlossen. Darin hat sie sich mit weißen Blutkörperchen, den sogenannten Leukozyten, und ihrer Rolle bei der Immunabwehr beschäftigt. Der Fokus lag auf Multipler Sklerose, kurz MS.

Bei der Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem Nervenzellen im zentralen Nervensystem an. Es kommt zu Entzündungen im Gehirn und Rückenmark, die sich durch die verschiedensten Symptome äußern, am häufigsten durch Sehstörungen oder motorische Einschränkungen. Eine Möglichkeit, die Krankheit zu therapieren, liegt darin, die überschießende Immunreaktion zu mildern – etwa durch den Einsatz von Stammzellen. Kein Wunder, dass sich die Forscherin bei ihrem Chinabesuch von der Arbeit ihres ehemaligen Professors inspirieren lässt. Das klang für mich sehr interessant, sagt Ping Shen. Ich wollte dann unbedingt herausfinden, ob sich aus den Stammzellen im Menstruationsblut eine therapeutische Wirkung für MS ableiten lässt.

Eine schmetterlingsähnliche Struktur in Braun-, Blau- und Goldtönen.
Abstrakte Komposition aus organischen Formen, blassrosa Hintegrund mit transparenten, blasenartigen Überlagerungen und blauen Blütenmotiven.

In ihrem Projekt the motherhood that wasn’t verarbeitet CECILIA SORDI CAMPOS ihre Erfahrungen mit Unfruchtbarkeit, Endometriose und Adenomyose. Als Zeichenmaterial nutzt sie Menstruationsblut, mit dem sie neue Bilder von Weiblichkeit jenseits traditioneller Konzepte entwirft – und mit einer noch verbreiteten Vorstellung aufräumt: Unfruchtbarkeit sei nicht zuletzt ein Versagen der Frau.

Zurück in Deutschland beginnt Ping Shen, es zu untersuchen. Bei den Stammzellen im Menstruationsblut handelt es sich um mesenchymale Stammzellen, erklärt sie. Sie können sich in verschiedene Zelltypen entwickeln. In Muskel- oder Fettzellen zum Beispiel. Aber auch in Knochen- und Knorpelzellen. Vor allem aber unterdrücken sie das Immunsystem, das bei einer Krankheit wie MS überreagiert und gesunde Zellen angreift.

Um zu verstehen, warum diese Stammzellen für die Forschung so besonders sind, muss man erst einmal die Menstruation als einen natürlichen Prozess verstehen. Er setzt bei Frauen ab einem Alter von etwa zwölf Jahren ein und hält bis zur Menopause an. Etwa alle vier Wochen bereitet sich der Uterus dabei auf eine mögliche Schwangerschaft vor, indem er die Schleimhaut der Gebärmutter aufbaut. Diese verdickt sich, damit sich eine befruchtete Eizelle einnisten kann. In den allermeisten Fällen bleibt die Befruchtung aber aus. Dann wird das Nest der Gebärmutter wieder abgetragen und ausgeschieden. Die Menstruation setzt ein.

So beschreibt es das Schulbuch. Was dabei oft untergeht, ist die fast schon makellose Heilung der Wunde an der Gebärmutter. Beim Abbau der Schleimhaut reißen Gefäße, es kommt zu Blutungen. Zusammen mit der abgestoßenen Gebärmutterschleimhaut verlässt die Mischung den Körper – das Menstruationsblut. Kaum ein anderes Gewebe im menschlichen Körper erneuert sich auf diese Weise immer wieder selbst. Und das, ohne sichtbare Narben zu hinterlassen.

Ping Shen leistet Pionierarbeit in einem Bereich, der bislang kaum untersucht wurde.

Für Ping Shen liegt darin der entscheidende Faktor: Das Gewebe der Gebärmutter ist von Natur aus regenerationsfähig. Die Stammzellen aus dem Menstruationsblut, so ihre These, könnten auch an anderen Stellen im Körper regenerative Prozesse anstoßen. Im Berliner Labor untersucht Ping Shen in einem etablierten Mausmodell für MS, wie sich diese Zellen auf die Symptome der Krankheit auswirken. Und tatsächlich: Die Immunbiologin und ihre Kolleginnen und Kollegen am DRFZ weisen eine potenzielle therapeutische Wirkung des Menstruationsblutes nach. Bei den Mäusen zeigt sich, dass die Stammzellen das Immunsystem unterdrücken und Entzündungen lindern. Die Symptome der Krankheit werden gemindert.

Ping Shen leistet damit Pionierarbeit in einem Bereich, der bislang kaum untersucht wurde. Weltweit gibt es noch heute keine 20 klinischen Studien zu den Stammzellen aus Menstruationsblut. In Deutschland gibt es keine. Dabei sind die Zellen auch auf zellbiologischer Ebene interessant. Forschende haben herausgefunden, dass sich die Stammzellen aus Menstruationsblut besonders schnell teilen und teilweise deutlich produktiver sind als vergleichbare Zellen aus Knochenmark oder Fettgewebe. Die Forschung zu Stammzellen aus Menstruationsblut hat eine sehr kurze Geschichte, sagt Ping Shen. Erst 2007 sei erstmals wissenschaftlich darüber berichtet worden. Menstruationsblut ist deswegen nicht gerade das naheliegendste Gewebe für eine Stammzellspende.

Dabei sprechen vor allem die praktischen Gründe eigentlich dafür. Der Vorteil von aus Menstruationsblut gewonnenen Stammzellen liegt klar auf der Hand: Die Stammzellen lassen sich nicht-invasiv gewinnen, ganz natürlich und unschlagbar zuverlässig – Zyklus für Zyklus. Am Anfang experimentiert Ping Shen sogar mit ihrem eigenen Menstruationsblut. Statt das Blut in die Toilette zu schütten, sammelte ich es einfach ein. Da gibt es keine ethischen Bedenken, für die ich erst eine Genehmigung einholen müsste.

Roter Farbverlauf vom hellem rot bis dunklem rotbraun. Formen und Verläufe wie auf einer Wasseroberfläche.

Aber warum wurde das Potenzial dann so lange übersehen? Auch Ping Shen stellt sich diese Frage. Eine mögliche Erklärung liegt in der historischen Betrachtung: Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde wissenschaftlich diskutiert, ob Menstruationsblut giftig sein könnte. Erst in den 1950er Jahren widerlegten Studien diese Vorstellung. Bis dahin versuchte man gar, menstruierenden Personen verdorbene Ernten in die Schuhe zu schieben.

Auch in der Medizin spielte der weibliche Körper lange eine untergeordnete Rolle. Viele Studien wurden überwiegend mit Männern durchgeführt. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern blieben oft unberücksichtigt. Bis heute ist das messbar – etwa bei Herzinfarkten, die sich bei Frauen oft anders äußern, oder bei Erkrankungen wie Endometriose, die schätzungsweise jede zehnte Frau betrifft, bislang aber weder ursächlich noch therapeutisch geklärt ist. Zwar hat sich der Umgang in den letzten Jahren verändert – das Blut versteckt sich in der Werbung nicht mehr hinter einer blauen Flüssigkeit –, aber vollständig verschwunden ist die Zurückhaltung nicht.

Vor diesem Hintergrund wirkt es wenig überraschend, dass das Menstruationsblut erst spät in den Fokus der Forschung rückte. Fragt man die Immunbiologin, ob es an der Scham liegt, die die Menstruation umgibt, antwortet sie verhalten: Die Menstruation ist in der Wissenschaft kein Tabu. Als Wissenschaftler untersuchen wir wirklich alles. Einige meiner Kollegen am DRFZ beschäftigen sich zum Beispiel mit Kot. In der Gesellschaft sieht sie dennoch Aufholbedarf, ist aber zuversichtlich: Ich glaube, der Umgang hat sich vor allem in Deutschland in den letzten Jahren verbessert. Durch die Entdeckung des Schatzes, der im Menstruationsblut steckt, versuchen wir, das Verständnis der Menschen für dieses Blut zu verbessern.

Doch noch fehlt das notwendige Geld für größere Studien. Ping Shen hofft daher, Fördermittel bewilligt zu bekommen, um das Potenzial von Menstruationsblut auszuschöpfen. Konkrete Ideen hat sie schon: Sie möchte sich weiter mit den Behandlungsmöglichkeiten von MS beschäftigen und die Stammzellen künftig so trainieren, dass sie gezielt ins Gehirn gelangen und dort geschädigte Nervenzellen reparieren.

Bis dahin verfolgt Ping Shen vor allem ein anderes Ziel: die Wahrnehmung von Menstruationsblut zu verändern. Ich hoffe wirklich, dass wir dieses Tabu rund um die Menstruation irgendwann aus der Welt schaffen werden.

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