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LEIBNIZ Herr Schmidt, am 1. Juli treten Sie nach 24 Jahren am Essener RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Ihr neues Amt als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft an. Sind Sie schon nach Berlin umgezogen?

CHRISTOPH M. SCHMIDT Ich habe gerade die erste Nacht in meiner neuen Wohnung verbracht, etwa einen Kilometer von der Geschäftsstelle in Berlin-Mitte entfernt. So kann ich zur Arbeit laufen und habe morgens und abends ein bisschen Bewegung.

Wie gefällt Ihnen die Stadt, in der Sie in den kommenden Jahren arbeiten werden?

Berlin ist ein Faszinosum, das ich gerade Schritt für Schritt kennenlerne. Natürlich habe ich schon viel Zeit hier verbracht, aber meistens in Sitzungen und Gesprächen. Es scheint mir eine Stadt zu sein, die alles hat, von grandiosen Ereignissen und Plätzen bis zu den fürchterlichsten Ecken, zum Beispiel die verlotterte Baustelle in der Nähe der Geschäftsstelle, wo man über Müllberge stolpert. Aber das Nebeneinander von Grandiosem und Abstoßendem ist natürlich auch für eine Großstadt typisch. Und Berlin ist die deutsche Großstadt. Darauf kann man sich schon freuen, wenn man ein paar Jahre hier wirken darf.

Wir müssen als Organisation noch schneller und beweglicher werden.

CHRISTOPH M. SCHMIDT
 

Wie kam es dazu, dass gerade Sie neuer Präsident der Leibniz-Gemeinschaft werden?

Ich begeistere mich seit vielen Jahren dafür, über die Grenzen meines eigenen Fachgebiets hinauszublicken. Als ich 2002 meinen Lehrstuhl für Ökonometrie in Heidelberg verließ, um Präsident des RWI zu werden, durfte ich dort eine breit gefächerte Agenda der Wirtschaftsforschung und der evidenzbasierten Politikberatung mitgestalten und in mancher Hinsicht auch prägen. Dabei ist der interdisziplinäre Diskurs für mich immer wichtiger geworden, zum Beispiel als Mitglied der Wissenschaftsakademien Leopoldina und acatech. Ich habe da fantastische Persönlichkeiten getroffen, Fachleute aus der Physik, der Chemie, den Geistes- und Kulturwissenschaften, aus dem ganzen Spektrum der intellektuellen Auseinandersetzung mit einer komplexen Welt. Von ihnen habe ich unheimlich viel gelernt. Es gab sozusagen ständig neue Ringe am Tellerrand, die ich überschreiten konnte. Vermutlich hat das dazu beigetragen, dass die Wahl auf mich gefallen ist.

Haben Sie keinen Bammel, plötzlich Fächer wie Astrophysik oder Literaturforschung zu vertreten?

Bammel nicht, Respekt schon. Niemand wird erwarten, dass ich in jeder Disziplin dasselbe Detailwissen habe wie die hervorragenden Leute an den verschiedenen Instituten. Aber ich traue mir zu, einzuschätzen, wer welchen Beitrag zu unserer Gemeinschaft leisten kann. Ich möchte Fachleute verschiedener Disziplinen stärker zusammenführen und die Vernetzung innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft intensivieren.

Welche Akzente wollen Sie als Präsident setzen?

Drei Dinge sind mir besonders wichtig. Zum einen ist die Leibniz-Gemeinschaft mit ihrer Vielfalt und Dezentralität fantastisch und auch einzigartig. Wir decken die ganze Bandbreite der Wissenschaft ab, von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung in der Lebenswirklichkeit der Menschen. Das macht uns aus, ist aber nicht leicht in wenigen Worten zu erzählen. Ich sehe es daher als meine Aufgabe, unser Profil klarer herauszuarbeiten. So werden wir nach innen verbindlicher und nach außen erkennbarer. Zum Zweiten sehe ich Leibniz aufgrund unseres speziellen Mandats noch mehr als die anderen außeruniversitären Forschungsinstitutionen in der Pflicht, die Bürgerinnen und Bürger dabei zu unterstützen, in einer komplexen und sich rasch verändernden Welt rationale Entscheidungen zu treffen und evidenzbasiert zu handeln.

Wie könnte das konkret aussehen?

Es geht dabei vor allem um offenen und differenzierten Diskurs. Ein Beispiel: Wie kann Deutschland wirksam Klimaschutz betreiben und gleichzeitig sowohl ein Industrieland bleiben als auch einkommensschwächere Personen nicht übermäßig belasten? Dafür gibt es gute Lösungen, sie sind aber keineswegs einfach. Weitere Beispiele sind: Wie können wir offen für Migration bleiben, aber zugleich die Probleme der Integration ohne ideologische Verhärtungen angehen? Oder wie vermeiden wir, dass wir zwar sehr viel, aber nicht besonders zielgenau umverteilen und so den Staat immer mehr aufblähen?

Was ist der dritte Punkt auf Ihrer Liste?

Sich an die eigene Nase zu fassen und zu fragen, wie wir mit den Mitteln, die wir haben, noch mehr leisten können. So werden uns KI-Anwendungen erlauben, massive Effizienzpotenziale zu heben, nicht nur in der Forschung, etwa bei der Analyse großer und verknüpfter Datenbestände, sondern auch und gerade in unseren Verwaltungsprozessen. Als Geschäftsstelle wollen wir die Institute so gut wie möglich unterstützen. Das müssen wir mit begrenzten Ressourcen leisten. Wir sollten daher den Anspruch haben, als Organisation stetig effizienter zu werden.

Es gehört zur Führung dazu, die Ärmel hochzukrempeln und mit anzupacken.

Gibt es Bereiche, in denen Sie mehr Geld ausgeben wollen?

Wir müssen als Organisation schneller und beweglicher werden. Einerseits müssen wir flexibel sein und rasch auf neue Themen reagieren. Hätten die Leibniz-Institute in der Pandemie zunächst lange Pläne gemacht, die dann erst anderthalb Jahre später umgesetzt worden wären, wäre das sicher fehl am Platz gewesen. Die Flexibilität, die wir damals gezeigt haben, sollte zum Wesenskern unserer Gemeinschaft werden. Andererseits gilt es, agil zu sein und fortwährend eingespielte Abläufe oder Strukturen infrage zu stellen, etwa beim Thema KI: Die rasante Veränderung der technologischen Möglichkeiten eröffnet riesige Chancen, erhöht aber auch die Risiken, etwa durch Cyberattacken. Die Leibniz-Gemeinschaft hat nur geringe Ressourcen, um die Institute bei diesen Aufgaben zu unterstützen. Umso wichtiger wird es sein, sie dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen entfalten.

Welche Forschungsdisziplinen wollen Sie strategisch besonders fördern?

Unsere Aufgabe besteht darin, sektionsübergreifend inhaltliche Schwerpunkte zu identifizieren – also Bereiche, in denen wir bereits stark sind oder in denen Schwerpunkte aufkeimen. Diese Schwerpunkte wollen wir dann mithilfe unserer strategischen Instrumente gezielt stärken. Die inter- und transdisziplinäre Kooperation ist schon heute eine Stärke von Leibniz, zum Beispiel in den Forschungsverbünden oder den WissenschaftsCampi. Einige inhaltliche Schwerpunkte schälen sich schon heraus, zum Beispiel der Themenkreis Gesundheit und Prävention, der fantastische Institute zusammenführt. Aber vorgeben kann und will ich diese Schwerpunkte natürlich nicht. Die Initiativen müssen selbstverständlich von den Instituten ausgehen.

Von A wie Anfang ... bis Z wie Zukunft: Um Christoph M. Schmidt ein wenig kennenzulernen, haben wir ihn kurz nach seiner Wahl im Dezember um sein persönliches ABC gebeten. Viel Spaß beim Durchklicken!

Sie sind seit fast einem Vierteljahrhundert an einem Leibniz-Institut. Manchmal hat Stallgeruch auch Nachteile.

Ich kann keinen erkennen. Die Leibniz-Gemeinschaft ist ja eine dezentrale Gruppe von sehr leistungsfähigen Instituten, die keine Vorgaben von der Zentrale erhalten. Da kann es nur helfen zu wissen, wie wichtig es ist, an so einem Institut die eigenen Geschicke selbstbestimmt zu gestalten. Ich habe das jahrzehntelang selbst erlebt, kenne es also von innen heraus. Das kann eigentlich nur von Vorteil sein.

Jemand von ganz außen könnte mit einem frischeren Blick auf das große Ganze schauen und originellere Ideen mitbringen, um die Gemeinschaft weiterzuentwickeln.

Der Gefahr, solche Perspektiven zu übersehen, muss man entgegenwirken, indem man sich mit sehr guten Beraterinnen und Beratern umgibt. Insbesondere die Mitglieder unseres Senats sind in der Lage, aus verschiedensten Blickwinkeln heraus – aus Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft – Impulse zu geben.

Nach Ihrer Wahl im Dezember schrieben Sie in »leibniz«, ein Kapitän gehört auf seine Brücke. Was meinen Sie damit?

Ich will nicht nur ab und zu präsidiale Aura ausstrahlen und es ansonsten vermeiden, mich in den Sturm zu stellen. Im Gegenteil, ich finde, dass es zur Führung dazugehört, die Ärmel hochzukrempeln und mit anzupacken. Es geht nicht darum, alles im Detail zu steuern. Aber gerade bei Gegenwind will ich erkennbar Teil des Teams sein.

Was passiert in einem Sturm?

Ich glaube, das hat jeder erlebt, der über eine gewisse Zeit Teams angeführt hat. Manchmal gibt es Angriffe auf die gesamte Gemeinschaft, etwa beim Thema Wissenschaftsfreiheit. Es gibt aber auch durchaus Situationen, in denen es gilt, loyal zu seinen Mitgliedseinrichtungen oder zu deren Leitungen zu sein. Oder die Integrität des eigenen Teams zu verteidigen und sich nicht wegzuducken.

Der neue Leibniz-Präsident Christoph M. Schmidt auf der Dachterasse der Leibniz-Geschäftsstelle.

Wenn man richtige Argumente wieder und wieder vorträgt, dringt man manchmal durch.

Sie betonen, dass Evidenz politisches Handeln leiten sollte. Als Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der sogenannten Wirtschaftsweisen, haben Sie über zehn Jahre lang die Bundesregierung beraten. Sind Sie mit Evidenz durchgedrungen?

Es ist wie immer: Nur steter Tropfen höhlt den Stein. Die Politik muss Maßnahmenpakete schnüren, die mehrheitsfähig sind. Das bedeutet in der Regel, Kompromisse machen zu müssen. Für den evidenzbasiert denkenden Wissenschaftler ist das unbefriedigend. Aber langer Atem hilft. Nehmen wir noch einmal das Thema Klimapolitik: Die Wissenschaft steht disziplinenübergreifend überwiegend hinter einer marktwirtschaftlich orientierten Energiewende. Der Sachverständigenrat hatte im Sommer 2019 nach rund zehn Jahren des Werbens für diese Überlegungen erneut ein Gutachten zur CO2-Bepreisung erstellt. Und siehe da, sie wurde danach auch für Wärme und Verkehr eingeführt. Zwar in einer homöopathischen Dosis, trotzdem war es ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Nicht alle guten Ideen kommen am Ende zum Zuge. Aber wenn man richtige Argumente wieder und wieder vorträgt, dringt man manchmal durch.

Sie haben einmal gesagt, in der Politikberatung dürfe man nicht zart besaitet sein. Was haben Sie bisher einstecken müssen?

Wenn Sie als Ökonom politische Themen diskutieren, berühren Sie ständig wirtschaftliche, aber vor allem politische Interessen. Und nicht selten ist es so: Je mehr Ihr Argument schwach begründete Positionen infrage stellt, desto heftiger werden Sie angegriffen, oft auch unter der Gürtellinie. Am Anfang meiner Zeit in Essen habe ich mich gegen die Subventionen für den deutschen Steinkohlebergbau ausgesprochen. Damals wurden wir als kaltherzige Ökonomen beschimpft. Etwa zehn Jahre später haben wir das Erneuerbare-Energien-Gesetz als zu teuer kritisiert. Auf einmal waren wir der Büttel der fossilen Industrie. Sowas muss man aushalten können.

Sie sind in Canberra geboren und haben auch die australische Staatsbürgerschaft. Inwiefern wird Ihre Präsidentschaft angelsächsische Züge tragen?

Ich glaube, ich habe einen freimütigeren Zugang zu den Ideen des Liberalismus als manch anderer. Ich bin sehr dafür, dass wir als Gesellschaft solidarisch sind. Aber mittlerweile ist es fast so, dass man die Prinzipien Eigenverantwortung und Freiheit, die uns als Gesellschaft stark gemacht haben, verteidigen muss. Das will ich gerne tun.

NEU AN BORD

Christoph M. Schmidts Amtszeit als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft beginnt am 1. Juli 2026. Die außeruniversitäre Forschungsorganisation kennt er aus einer Innenperspektive: Viele Jahre leitete er das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen und hatte zugleich einen Lehrstuhl an der Ruhr-Universität Bochum inne. Schmidt hat Volkswirtschaftslehre studiert, wurde in Princeton promoviert und an der Universität München habilitiert. Er engagiert sich in der Politikberatung, als Sachverständiger und in Aufsichtsräten. So ist er seit 2024 Mitglied der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Von 2009 bis 2020 war er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung — mehrere Jahre davon als Vorsitzender der »Wirtschaftsweisen«.

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