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LEIBNIZ Herr Hofer, in Berichten aus der Serengeti spielen Hyänen oft die Rolle der hässlichen Schurken, die den Löwen das Leben schwer machen. Als Synonym führt der Duden den Begriff »Halsabschneider« auf. Wie sind Sie in den 1980er Jahren darauf gekommen, ausgerechnet diese Tiere zu erforschen?

HERIBERT HOFER Es gibt eine offizielle und eine inoffizielle Antwort. Offiziell: Es war unklar, wie Tüpfelhyänen leben, vor allem in der Serengeti in Ostafrika, die eine Art Vorzeigegebiet ist. Man dachte, sie seien Nomaden. Tatsächlich leben sie in großen Gruppen in festen Revieren, pendeln aber über weite Strecken, um Beutetiere zu finden. Aber vor allem wollten wir mehr darüber erfahren, wie ein weiblich dominiertes Sozialsystem funktioniert.

Und?

Im Prinzip gelten ähnliche Regeln wie in männlich dominierten Gesellschaften, nur eben mit umgekehrten Geschlechterrollen. Unterschiede gibt es auch. Weil zum Beispiel der Rang eines Männchens für die Paarung keine Rolle spielt, müssen Männchen, die sich fortpflanzen wollen, mit den Weibchen eine stabile Beziehung aufbauen. Also laufen sie immer wieder Dutzende Kilometer von den Beutetierherden zum Bau zurück, um Präsenz zu zeigen und Beziehungen zu pflegen.

Foto IZW

HERIBERT HOFER

ist Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) und Professor für Interdisziplinäre Wildtierkunde an der Freien Universität Berlin.

Was war der inoffizielle Grund, sich den Hyänen zuzuwenden?

In der Verhaltensforschung läuft es oft so, dass wir Tiere fangen und ihnen einen Sender anlegen. Danach sehen wir sie nie wieder. Aber ich wollte Tiere mit eigenen Augen beobachten. Und verglichen mit Löwen oder Leoparden ist das Sozialleben von Tüpfelhyänen viel abwechslungsreicher. Wer einmal anfängt, sie zu erforschen, hört nicht mehr auf damit.

Was macht das Sozialleben der Hyänen so interessant?

Wölfe, Löwen oder Paviane bleiben als Rudel immer zusammen, Tüpfelhyänen nicht. In einem Clan können 150 Tiere leben, die aber nie alle gleichzeitig am Bau sind. Die meisten von ihnen sind regelmäßig tagelang unterwegs. Deshalb müssen diejenigen, die gerade da sind, ständig die Rangordnung klären. Dazu haben sie eine Begrüßungszeremonie, bei der sie ermitteln, welches Tier dominant ist. Sie beobachten auch die Begrüßungszeremonien anderer Gruppenmitglieder, um zu verstehen, welche Beziehungen sie zueinander haben. Dieses Ritual kann sich an einem einzelnen Morgen oder Abend bis zu 40-mal abspielen – eine gewaltige kognitive Leistung. Auch für mich als Wissenschaftler ist das gut: Es gibt ständig etwas zu sehen.

Foto JAN ZWILLING

Wie beobachtet man Tüpfelhyänen?

Wir nähern uns langsam mit einem Geländewagen und bleiben dann meist einige Stunden bei einem Bau. Die Tiere sind an uns gewöhnt, größtenteils ignorieren sie uns einfach. Nur die Jungtiere kommen oft näher, sie knabbern gern an Reifen. Und bei Rangordnungskämpfen schiebt manchmal ein Weibchen seinen Körper rückwärts unter ein Auto. So guckt nur sein Kopf mit dem Gebiss heraus; damit ist es praktisch unverwundbar.

Als mittelgroße Raubtiere, die in Gruppen jagen, besetzen Hyänen in der Serengeti eine ähnliche Nische wie hierzulande einst Wölfe, aus denen ja der Haushund hervorging. Lassen sich Tüpfelhyänen domestizieren?

In manchen Ethnien in Tansania ist es üblich, Jungtiere aus dem Bau zu holen und aufzuziehen. Die bleiben dann ein Leben lang zahm: Als soziale Art kennen sie das Konzept eines geregelten Umgangs miteinander. Aber für eine Domestizierung müssten Tiere über mehrere Generationen als Haustiere gehalten werden. Dabei würden sich dann auch körperliche Merkmale und Verhalten wesentlich ändern. Das ist bisher nicht geschehen.

Komplexe Clans

Seit 1987 beobachten Forschende des IZW die Tüpfelhyänen im Serengeti-Ökosystem in Tansania. Zuvor dachte man, dass die Hyänen nomadisch leben. Das IZW-Team konnte nachweisen, dass die Tiere in Clans mit festen Territorien zusammenleben. Drei Clans werden seitdem in einer Langzeitstudie beobachtet. Anhand der individuellen Schicksale von über 1500 Tieren deckten die Forschenden die seltenen, aber regelmäßigen »Palastrevolutionen« auf, bei denen erwachsene Töchter von Alpha-Weibchen gegen die eigene Mutter putschen. Für den Struktur-Schwerpunkt von »leibniz« berichtet eines der Leitweibchen aus ihrem Rudel.

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