Die Erde erwärmt sich, die Polkappen und Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Immer häufiger verheeren Dürren, Stürme, Fluten Wohngebiete und Ackerflächen. Was vor einem Vierteljahrhundert noch nach düsterer Zukunftsvision klang, ist schon heute Realität. In den kommenden Jahrzehnten könnte der Klimawandel Millionen Menschen auf dem Globus zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Wohin werden sie gehen? Und werden diese Migrationsbewegungen tatsächlich den Trend verstärken, der seit Jahrhunderten anhält und als Landflucht, Verstädterung oder Urbanisierung bekannt ist?
Diesen Fragen ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt nachgegangen, in dem die beiden Leibniz-Institute Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) mit dem Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund und der City University of New York zusammenarbeiteten. Gefördert wurde das Projekt Climate Change Impacts on Migration and Urbanization (IMPETUS) im Programm Leibniz-Kooperative Exzellenz. »Unser Ziel war, die Methoden der Migrations-, Klima- und Urbanisierungsforschung so zusammenzubringen, dass wir umfassende Szenarien modellieren können«, sagt der Physiker Jacob Schewe vom PIK, einer der beiden Leiter des Projekts.
Modellieren bedeutet, dass die Forschenden möglichst vollständige Daten über Klimawandel und Migration zusammentragen und mithilfe von leistungsfähigen Computern berechnen, wie sich Änderungen auf der einen Achse (beispielsweise »Zahl von Naturkatastrophen in einer Region«) auf die andere Achse auswirken (etwa »Migration in dieser Region«). Eine solche Simulation der Zukunft ähnelt den Szenarien, die der Weltklimarat alle sechs bis sieben Jahre in seinen Sachstandsberichten veröffentlicht. Auch sie skizzieren verschiedene Pfade: Unterschiedlich heftige Auswirkungen, je nach weltweitem Ausstoß an Treibhausgasen.




Mit unseren Modellen können wir auch die Anziehungskraft abbilden, die Diaspora-Gemeinden in Städten auf Menschen ausüben, die ihr Land verlassen müssen.
JACOB SCHEWE
Genau solche Modellierungen sind die Spezialität der Forschenden am PIK, die an mehreren Berichten des Weltklimarats mitgearbeitet haben. Mit der Migrationsforschung hatten sie bis dahin dagegen kaum zu tun. »Deshalb haben wir uns in der Leibniz-Gemeinschaft nach Instituten mit einer komplementären Expertise umgesehen«, sagt Jacob Schewe. »Der sozialwissenschaftliche Ansatz des WZB fängt genau da an, wo unsere Forschung oft aufhört.« So zeigen Klima- und Migrationsdaten zwar, dass höhere Temperaturen Urbanisierung und Migration über Ländergrenzen hinweg verstärken – besonders in ärmeren Ländern, in denen ein großer Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt. Es gibt aber viele wirtschaftliche, soziale und politische Faktoren, die den Klimaeffekt überlagern und beeinflussen.
»Die Kolleginnen und Kollegen am WZB haben etwa intensiv zur Rolle von Einwanderungspolitiken geforscht und berechnet, wie sie sich weltweit entwickeln«, sagt Schewe. »Solche Erkenntnisse aus der Politikwissenschaft sind wichtig für uns, um Migrationsbewegungen korrekt zu modellieren.« Dank des Zusammenspiels von sozial- und naturwissenschaftlichen Methoden können die Forschenden erstmals modellieren, wie stark Menschen mit unterschiedlich hohem Einkommen vom Klimawandel betroffen sind und wann sie sich gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen.
Weitere Ergebnisse des Projekts belegen etwa, dass schlechtere Getreideernten und Wasserknappheit viele Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben können. »Mit unseren Modellen können wir auch die Anziehungskraft abbilden, die Diaspora-Gemeinden in Städten auf Menschen ausüben, die ihr Land verlassen müssen«, sagt Schewe – eine wertvolle Information etwa für die Stadtplanung. Und während aus manchen ländlichen Regionen Deutschlands zurzeit viele Menschen in die Städte ziehen, zeigen die IMPETUS-Szenarien, dass Migration dazu beitragen könnte, diesen Bevölkerungsverlust auf dem Land auszugleichen.


»Noch ist die Vorhersagekraft unserer Modelle auf bestimmte Teilgebiete begrenzt«, sagt Schewe. Im Unterschied zum Klima, das physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgt, wird Migration von zahlreichen, weniger berechenbaren Faktoren beeinflusst. Ein weiterer wichtiger Grund: »Migrationsdaten sind furchtbar unzuverlässig.« Das Wetter lässt sich mit Satellitendaten und Messstationen ziemlich genau dokumentieren, für praktisch jeden Ort der Welt gebe es langfristige Aufzeichnungen oder Rekonstruktionen über Temperaturen und Niederschlagsmengen. »Aber Menschen, die ihre Heimat verlassen, muss erstmal jemand zählen.« Dabei gebe es weder Konsens, wer überhaupt als Migrantin oder Migrant gelte, noch seien diese Personen immer bereit, Auskunft über ihre Beweggründe und Ziele zu geben.
Doch auch die bisher entwickelten Modellierungen und Szenarien wirken bereits in Politik und Gesellschaft hinein. Sie flossen etwa 2018 und 2021 in den Groundswell-Bericht der Weltbank über Klima und Migration ein, an dem Jacob Schewe ebenfalls mitgewirkt hat. Für 2050 sagt der Bericht weltweit bis zu etwa 200 Millionen Binnenflüchtlinge voraus – es sei denn, der Ausstoß von Treibhausgasen werde stark gesenkt und der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration ernster genommen und besser erforscht. Dann ließe sich diese Zahl auf ein Fünftel reduzieren.
»Rooted«
Seit 2005 verfolgt der niederländische Fotograf Henk Wildschut die Stationen flüchtender Menschen. Immer wieder fand er in den monotonen Zeltlandschaften der Camps kleine Gärten und liebevoll gepflegte Blumen. Seine Fotoserie »Rooted« veranschaulicht die Sehnsucht der Geflüchteten nach Hoffnung und Trost, Selbstbestimmung und Würde.



