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SABRINA SCHLESINGER
ist stellvertretende Direktorin des Instituts für Biometrie und Epidemiologie am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ), Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung und leitet die Arbeitsgruppe Epidemiologie.

LEIBNIZ Zucker kann krank machen, aber unser Körper braucht ihn auch. Wofür?

SABRINA SCHLESINGER Zucker ist für den Körper ein wichtiger Energielieferant. Eine bestimmte Zuckerart heißt Glukose oder auch Traubenzucker. Den brauchen unsere Organe, um die nötige Energie für ihre Aufgaben zu bekommen. Vor allem das Gehirn und die Muskeln sind deshalb auf eine ausreichende Versorgung mit Glukose angewiesen.

Und die bekommen wir aus unserem Essen?

Richtig. In unserem Essen kommen verschiedene Nährstoffe vor, zum Beispiel Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate. Besonders viele Kohlenhydrate finden wir in Getreideprodukten wie Brot, Nudeln, Reis oder auch in Kartoffeln. Während der Verdauung werden die Kohlenhydrate in ihre Bausteine zerlegt, unter anderem in Glukose. Dieser Zucker gelangt dann ins Blut und wird von dort im ganzen Körper verteilt. Jetzt kommt die Bauchspeicheldrüse ins Spiel. Das ist ein Organ in unserem Bauch, etwa so groß wie eine Banane, und es produziert einen Stoff, der Insulin heißt. Man kann sich Insulin wie einen Schlüssel vorstellen. Es hilft dabei, die Körperzellen aufzuschließen, damit der Zucker aus dem Blut hineingelangen und im Innern der Zelle zur Energiegewinnung „umgewandelt“ werden kann. Bei einem gesunden Menschen funktioniert das ganz wunderbar.

Und bei einem Menschen, der die Zuckerkrankheit hat? Was läuft da im Körper schief?

Bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes – eine Erkrankung, die manchmal auch Zuckerkrankheit genannt wird – reagieren die Körperzellen nicht mehr so gut auf das Insulin. Der Schlüssel passt nicht richtig ins Schloss. Dadurch gelangt Glukose nicht mehr so gut aus dem Blut in die Körperzellen hinein.

Was passiert dann?

Erst einmal versucht die Bauchspeicheldrüse das auszugleichen und produziert mehr Insulin. Die Körperzellen reagieren aber immer schlechter auf das Insulin, in der Fachsprache sprechen wir von einer Insulinresistenz. Irgendwann ist die Bauchspeicheldrüse ganz erschöpft und kann nicht mehr genug Insulin herstellen. Dadurch verbleibt mehr Glukose im Blut.

Und das ist schädlich für den Körper.

Genau. Wenn wir dauerhaft zu viel von diesem Zucker im Blut haben, kann das Gefäße und Nerven im Körper schädigen. Langfristig steigert es das Risiko für Erkrankungen des Herzens und kann zu Schäden an den Augen, Nieren oder Nerven führen.

Heute beobachten wir, dass immer mehr junge Menschen Typ-2-Diabetes bekommen.

SABRINA SCHLESINGER

Wie kommt es dazu, dass das bei manchen Menschen nicht richtig funktioniert?

Das hat meistens verschiedene Gründe. Manche Menschen haben eine Veranlagung dazu, das heißt, Typ-2-Diabetes kommt vermehrt in ihrer Familie vor. Außerdem können Übergewicht, zu wenig Bewegung und eine ungesunde Ernährung dazu beitragen, dass Menschen die Zuckerkrankheit bekommen.

Wer ist von der Krankheit besonders betroffen?

Am häufigsten sind Erwachsene betroffen. Früher haben vor allem Menschen im späteren Erwachsenenalter Diabetes entwickelt. Aber heute beobachten wir, dass immer mehr junge Menschen Typ-2-Diabetes bekommen.

Was kann man als junger Mensch tun, um gesund zu bleiben?

Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Durch Nahrung nehmen wir Energie in unseren Körper auf. Wenn wir aber ständig mehr Energie zuführen, als wir verbrauchen, entwickelt sich Übergewicht, und das ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Diabetes. Aber wir sollten auch gezielt auf die Ernährungsqualität schauen.

Illustration von Zuckerwürfeln, einem Bonbon, Kartoffel und Pommes mit Gesichtern, Händen und Füßen.

Auch Lebensmittel, die gar nicht süß schmecken, können schlecht für unseren Körper sein.

Das heißt, keine Süßigkeiten essen?

Nicht nur. Süßigkeiten wie Fruchtgummis oder auch zuckerhaltige Limonaden lassen zwar den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen, Typ-2-Diabetes entsteht jedoch nicht allein durch den Verzehr von Zucker. Entscheidend sind die gesamte Ernährung und der Lebensstil. Wer über längere Zeit sehr viele zucker- oder energiereiche Lebensmittel isst, kann da Übergewicht entwickeln, und das erhöht das Risiko für Diabetes. Aber auch Lebensmittel, die gar nicht süß schmecken, können auf Dauer schlecht für unseren Körper sein.

Zum Beispiel?

Weizenprodukte wie helle Nudeln oder Brötchen lassen den Blutzuckerspiegel schneller ansteigen als Vollkornprodukte. Nahrungsmittel wie Vollkornbrot, Haferflocken und Vollkornnudeln halten länger satt und sollten bevorzugt werden. Außerdem sind viel Obst und Gemüse in der Ernährung wichtig. Nüsse und Samen sind tolle Snacks und Milchprodukte sind auch gesund. Hier würde ich darauf achten, dass man naturbelassene oder weniger gesüßte Varianten nimmt.

Sollte man auch darauf achten, nicht so fettig zu essen?

Auch Fette spielen eine Rolle. Unser Körper braucht sie als Energielieferant und für viele wichtige Funktionen. Manche Fette sind für unseren Körper besser geeignet als andere. Ungünstig sind zum Beispiel Fette in verarbeitetem Fleisch oder in frittierten Lebensmitteln wie salzigen Pommes; die sollte man nur selten essen. Pflanzliche Fette wie Rapsöl oder Olivenöl, Öle aus Nüssen, Samen oder aus fettigem Fisch sind besonders gut für uns.

Und was sollte man trinken?

Es ist gut erforscht, dass das Trinken von zuckerhaltigen Getränken wie Limonaden das Risiko für Übergewicht erhöhen kann und somit auch das Risiko für Diabetes. Deshalb ist einer der wichtigsten Tipps, das Trinken von solchen Getränken einzuschränken und vor allem zu Wasser oder ungesüßten Tees zu greifen.

Illustration von zwei Pommes und einem Kartoffelchip mit traurigen Gesichtern.

Mal angenommen, ich esse zu Hause kaum Zucker und ernähre mich gesund. Nun gibt es auf dem Geburtstag meines besten Freundes Schokotorte. Ist es gefährlich, ein Stück davon zu essen?

Nein, Zucker sollte nicht komplett verboten, sondern in Maßen in den Alltag integriert werden. Entscheidend ist, dass Süßigkeiten nicht als Hauptmahlzeiten verzehrt werden, wenn man Hunger hat, und auch nicht einfach aus Langeweile. Zucker in ausgewogenen Mengen zu konsumieren, ist vollkommen in Ordnung – und da gehört auch das Stück Schokotorte bei der Geburtstagsfeier dazu.

Zucker also besser in Maßen als gar nicht?

Ich denke, es ist wie mit allem, was verboten ist: Es kann zu einer besonderen Versuchung werden. Dazu kommt, dass unser Gehirn auf süßen Geschmack reagiert. Beim Essen werden bestimmte Botenstoffe ausgeschüttet, die im Körper verschiedene Gefühle auslösen. Süßes löst beim Essen erst einmal ein gutes Gefühl im Körper aus. Wenn man aber sehr oft sehr süß isst, merkt sich das Gehirn diesen Geschmack und tendiert dazu, immer häufiger zu süßeren Speisen zu greifen. Das kann sich aber auch wieder verändern: Wenn man weniger süß isst, gewöhnt sich das Geschmacksempfinden wieder um. Deshalb würde ich zu einem bewussten Umgang mit Zucker raten: Süßes ist okay, aber in Maßen.

Es ist manchmal gar nicht so einfach, immer diszipliniert bei den gesunden Optionen zu bleiben.

Man muss nicht alles von heute auf morgen umstellen. Denn Vorlieben, die sich über eine lange Zeit entwickelt haben, lassen sich oft besser Schritt für Schritt verändern. Es kann zum Beispiel helfen, Vollkorn- und Weizennudeln erst einmal zu mischen, bevor man komplett auf die Vollkornvariante umsteigt. Bei Obst und Gemüse haben wir eine große Auswahl. Hier lohnt es sich, verschiedene Dinge auszuprobieren, bis sich etwas findet, was schmeckt. Und wie gesagt, die Süßspeisen würde ich nicht komplett streichen, ab und zu kann man ruhig mal ein Eis oder ein Stück Schokolade essen.

Illustration verschiedener Lebensmittel wie Brot, Karotte, Fisch, Kiwi und Blattgemüse mit Gesichtern.

Wenn unsere Muskeln arbeiten, nehmen sie Zucker aus dem Blut auf und nutzen ihn als Energie.

Und von der Ernährung einmal abgesehen?

Bewegung ist auch ein zentraler Aspekt, denn wenn unsere Muskeln arbeiten, nehmen sie Zucker aus dem Blut auf und nutzen ihn als Energie. Dadurch verbessert sich auch die Wirkung von Insulin, und der Blutzuckerspiegel wird stabiler. Das muss nicht unbedingt Leistungssport sein, sondern vor allem regelmäßige Bewegung im Alltag. Draußen auf dem Spielplatz toben, Fahrrad fahren, im Fußballverein spielen oder tanzen – alles, was Spaß macht und dabei hilft, Bewegung zu fördern, kann Übergewicht reduzieren und langfristig auch das Diabetes-Risiko senken.

Wenn man nun doch zu viel Zucker gegessen hat, wie schnell entwickelt sich die Zuckerkrankheit?

Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung, die über einen längeren Zeitraum entsteht. Das bekommt man nicht, weil man einen Tag zu viel von dem Schokokuchen gegessen oder vielleicht doch mal eine Limonade getrunken hat. Entscheidend ist der Alltag, also die Ernährung und Bewegung über viele Jahre hinweg.

Sie hatten auch erwähnt, dass unsere Gene eine Rolle spielen.

Wir sehen, dass Menschen ein höheres Risiko für Typ-2-Diabetes haben, wenn nahe Familienmitglieder – also Mutter, Vater oder Geschwister – betroffen sind. Allerdings gibt es nicht das eine bestimmte Gen, das für die Entstehung von Diabetes verantwortlich ist, sondern viele verschiedene Gene, die dazu beitragen können. Außerdem teilen Familien ähnliche Lebensweisen wie Ernährung und Bewegung. Die Art und Weise, wie sich meine Familie ernährt und bewegt, kann auch mein Risiko beeinflussen, Diabetes zu bekommen.

Letztendlich geht es nicht um den einen perfekten Tag, sondern um Routinen.

Woran kann ich merken, dass mein Körper Zucker nicht mehr so gut verarbeitet?

Zuerst einmal lässt sich festhalten: Ein hoher Blutzuckerspiegel tut nicht sofort weh. Das heißt, es gibt keine spezifischen Symptome, an denen man eindeutig erkennt: Das ist Diabetes! Wenn der Blutzuckerspiegel länger erhöht ist, muss man vermehrt zur Toilette, weil der Körper versucht überschüssigen Zucker über den Urin auszuscheiden. Dadurch entsteht auch verstärkter Durst. Außerdem kommen Müdigkeit und Konzentrationsprobleme öfter vor. Manche Menschen merken, dass ihre Wunden schlechter heilen. Weil das aber alles eher uneindeutige Symptome sind, ist es wichtig, Veränderungen mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin zu besprechen.

Angenommen, die Kinderärztin entdeckt bei einer Untersuchung einen erhöhten Blutzuckerspiegel, was dann?

Ein einzelner Wert reicht noch nicht aus, um eine Diagnose zu stellen. Oft folgen weitere Tests, um festzustellen, ob tatsächlich ein Diabetes oder eine Vorstufe vorliegt. Es gibt eine Phase, in der der Blutzucker bereits erhöht ist, aber noch kein Typ-2-Diabetes vorliegt. Gerade in dieser Zeit können mehr Bewegung und eine ausgewogene Ernährung die Entwicklung hinauszögern oder sogar zurück in den normalen Bereich bringen.

Wie lebt man denn mit Typ-2-Diabetes?

Typ-2-Diabetes ist heute in den meisten Fällen gut behandelbar. Entscheidend ist, die Erkrankung ernst zu nehmen und gemeinsam mit dem Behandlungsteam einen guten Weg zu finden. Mit einer gesunden Lebensweise und modernen Therapien können die meisten Betroffenen ihren Alltag ohne größere Einschränkungen gestalten. Wichtig ist, den Blutzucker gut im Blick zu behalten und die Behandlung regelmäßig anzupassen.

Wie sähe denn ein Tag aus, der richtig gut für den Blutzuckerspiegel ist?

Ich würde das als einen recht unspektakulären Tag beschreiben. Es könnte ein Schultag sein: Man steht morgens auf, isst sein Frühstück, zum Beispiel Getreideflocken mit Naturjoghurt und Obst oder ein Vollkornbrot mit etwas Rohkost dazu. Dann schnappt man sich das Fahrrad, fährt zur Schule und verbringt die Pausen draußen in Bewegung. Nach der Schule gibt es noch eine ausgewogene Mahlzeit zum Beispiel mit Vollkornprodukten, Gemüse und ausreichend Eiweiß. Der Nachmittag wird in Bewegung verbracht, dabei werden Wasser getrunken und gesunde Snacks wie Nüsse oder Samen verzehrt. Hunger wird nicht mit Süßigkeiten, sondern mit vollwertigen Mahlzeiten gestillt. Letztendlich geht es aber nicht um den einen perfekten Tag, sondern um Routinen. Wenn wir uns vor Typ-2-Diabetes schützen wollen, müssen wir auf gesundes Verhalten und Gewohnheiten setzen, die sich langfristig umsetzen lassen.

Volkskrankheit Diabetes

Mehr als neun Millionen Menschen in Deutschland leben mit Diabetes – Tendenz steigend.

Etwa 95% von ihnen erkranken an Typ-2-Diabetes. Verschiedene Faktoren wie Ernährung, Bewegung, aber auch Rauchen und genetische Veranlagungen führen dazu, dass Menschen diese Diabetesform entwickeln.

Eine kleinere Gruppe lebt mit dem sogenannten Typ-1-Diabetes. Die Autoimmunerkrankung kann unabhängig von Faktoren wie Ernährung oder Bewegung schon im frühen Kindesalter auftreten. Eine Fehlfunktion des Immunsystems führt dazu, dass der Körper nicht mehr eigenständig Insulin produzieren kann. Menschen mit Diabetes-Typ-1 müssen deshalb mehrmals täglich ihre Blutzuckerwerte testen und sich Insulin injizieren, damit die Glukose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann.

Die Zahl der Menschen mit Diabetes nimmt weltweit stetig zu. Prognosen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des DDZ deuten darauf hin, dass diese Zahl allein in Deutschland in den nächsten 20 Jahren auf bis zu zwölf Millionen ansteigen könnte. Im Gegensatz zu Typ-1-Diabetes lässt sich der Anstieg von Typ-2-Diabetes-Erkrankungen jedoch durch Präventionsmaßnahmen beeinflussen.

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